Feuilleton Ski Heil und die Maschinenpistole des Partisanen
Wir haben zwar nicht mehr damit gerechnet, aber offenbar geht auch dieser Winter zu Ende. Unter dem blauen Himmel ist seit einigen Tagen immer wieder mal Prager Frühling. Manche der traditionell sport- und bergverliebten Tschechen packen noch schnell ihre Ski aufs Auto und unternehmen eine letzte Fahrt zum Schnee. Zum Beispiel ins benachbarte Österreich.
Wo ich denn dieses Jahr überall Ski gelaufen bin, fragen mich die Tschechen gerne. Ich lebe zwar überwiegend in Prag, bin aber Österreicher und daher eine vermeintlich erstklassige Quelle für wertvolle Insidertipps. Die Verwunderung ist dann meist groß, wenn ich mich als Skimuffel oute. Wie ist so etwas möglich? Schließlich bin ich doch Bürger der Alpenrepublik, Angehöriger der Skination Nummer eins!
Eben, ist dann meist meine Antwort. In der Erinnerung an die Skikurse meiner Kindheit gibt es nämlich neben erfreulichen Erlebnissen mit Eltern oder Schulkollegen auch die unerfreuliche Stimmung kollektiver Selbstverständlichkeit. Fest eingebrannt ins Gedächtnis hat sich mir etwa das Ende eines jeden Skitages: Alle Kinder strecken zwar nicht den rechten Arm, immerhin aber den rechten Ski in die Höhe und rufen im Chor und im sattsam bekannten Rhythmus „Ski Heil!“. In österreichischen Skischulen der siebziger Jahre war das eben so üblich.
Ein tschechischer Freund tröstete mich neulich. Auch er habe Erinnerungen
an getrübte Sportlerfreuden – Erinnerungen an eine Kindheit auf der
anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Als kleiner Junge absolvierte er
regelmäßig den „Partyzánský samopal“, zu Deutsch „Die
Maschinenpistole des Partisanen“. Die geht ungefähr so: Grundschüler
laufen querfeldein und machen unterwegs Halt bei Stationen, wo sie ihre
Fähigkeiten im Schießen, Robben und Handgranatenwerfen sowie ihre
Kenntnisse der marxistisch-leninistischen Theorie und der Geschichte der
Sowjetunion unter Beweis stellen.
Zum Glück ist das alles vorbei, dachte ich da. Auch mein Verhältnis zum Sport entspannt sich von Jahr zu Jahr mehr. Nicht einmal die Bilder des politisch verbrämten Körperkults vergangener Diktaturen, die immer wieder mal in Dokumentarfilmen des deutschen oder tschechischen Fernsehens auftauchen, können mich davon abhalten, laufen zu gehen. Oder sogar ins Fitnessstudio. Darüber schreibe ich mein nächstes Feuilleton, dachte ich.
Mit der Recherche kam der Rückschlag: Im Internet finden sich unter
„Partyzánský samopal“ mehr als 5000 Einträge. Siegerlisten
vergangener Jahrgänge, Einladungen zu den kommenden. Jahrgänge wie 2008,
2009 oder 2010 wohlgemerkt. Zum Beispiel die gemeinsame Website von
Kindergarten und Volksschule einer kleinen Gemeinde in Südmähren: Sie
spricht begeistert davon, dass „Die Maschinenpistole des Partisanen“ ja
heutzutage von jedweder Ideologie befreit ist und einfach nur noch Spaß
macht. Dann der Link zum YouTube-Video: Kinder liegen auf dem Boden,
schießen mit Gewehren, werfen Handgranatenersatz aus Stein.
Mittlerweile habe ich den starken Verdacht, dass es in Österreich auch
noch Skischulen gibt, in denen die Kinder „Ski Heil“ rufen. Ganz
ideologiefrei natürlich. Ich werde österreichische Freunde fragen. Die
Wahrheit halte ich schon aus. Ich gehe nämlich wirklich gerne laufen.







