Feuilleton Reisefeuilleton einer Europäerin

31-07-2004 | Dagmar Keberlova

Download: RealAudio

Unlängst war ich das erste Mal seit dem EU-Beitritt Tschechiens im Mai im Ausland. Fest entschlossen, nur mit dem Personalausweis an den Grenzen durchzukommen, worauf ich mich seit Jahren gefreut habe. Schon am Prager Flughafen sieht es anders aus: schon hier begegnet man den nagelneuen Schaltern, die die Flugpassagiere in die Kategorien "EU" oder "alle Reisepässe", wie das so schön heißt, aufteilen. Hier komme ich mit meinem Personalausweis problemlos durch, aber da hatte ich ja nie Schwierigkeiten. Die Emotionen kommen erst bei der Landung in Brüssel hoch. Fast hätte ich mich Macht der Gewohnheit in die falsche Warteschlange eingereiht. "EU-Nationals". Bin ich doch, klar! Gut, denke ich mir, mal sehen, mich langsam dem jungen Belgier am Schalter nähernd. Ich grüße, er lächelt mir zu, schaut schnell auf meinen Personalausweis, und weg bin ich.

Unglaublich! Nach all den Jahren, wo ich regelmäßig über die Grenze gefahren bin und oft wie eine Kriminelle ausgefragt wurde, ist nun alles vorbei. Nie wieder wird mich der Zöllner anhalten, nach meinem Rückflugticket fragen, meine Aufenthaltsdauer wissen wollen, den Grund meiner Ankunft, meine Adresse, mein Bargeld: dies alles ist ab nun meine persönliche Sache - wie es sich gehört. Nie wieder werde ich vor dem Überschreiten der Grenze einen Schnaps trinken müssen, nie wieder werde ich auf einen Besuch bei Freunden in Wien lieber verzichten, weil mir die ausländerfeindlichen Zöllner zu mies sind als dass ich mich mit ihnen abgeben möchte. Alle unschönen Geschichten, die ich in den vielen Jahren erlebt habe, fliegen mir sekundenschnell durch den Kopf. Einfach vergessen, wie alles Schlimme im Leben.

Wir sind Viele, die einfaches und würdiges Reisen genießen. Litauer, Slowenen, Polen, Ungarn: In einer Bar in Brüssel, wo sich erfolgreiche junge EU-Beamte treffen, kann man sie unmöglich auseinander halten. Und das ist gut so. Nur dürfen wir keine Festung Europas zulassen. Jeder, der in Frieden kommt, muss - anständig behandelt - in die EU hereingelassen werden. Auf der anderen Seite muss jeder Staat strenge Antiterror-Sicherheitskontrollen einhalten. Diese haben in der heutigen Welt sehr wohl einen Sinn, und werden vielleicht einen noch größeren haben, wenn die Welt auch weiterhin die Attentäter und Opfer wie in Israel verwechseln und Resolutionen gegen Menschen, die sich nur wehren, verabschieden wird.

Artikel bookmarken

Nicht verpassen

Ähnliche Artikel

mehr...

Rubrikenarchiv

mehr...

Aktuelle Sendung in Deutsch