Feuilleton Regeln sind Regeln, aber: Ohne Vorbildwirkung keine Nachhaltigkeit

11-12-2010 02:01 | Lothar Martin

Der Winter hat auch Tschechien fest im Griff. Die eisige Kälte spüren die meisten Tschechen aber nicht nur draußen, sondern auch schon sehr nah am Gesäß, da wo das Geld sitzt. Im Portemonnaie. Wegen der hohen Schulden, die das Staatssäckel drücken, müssen viele von ihnen ab Januar auf Lohn verzichten.

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Radio PragRadio Prag Die Angestellten des öffentlichen Dienstes müssen auf zehn Prozent verzichten, Mitarbeiter in der Privatwirtschaft zum Teil auf mehr. Oder aber die Einsparungen im wirtschaftlichen Betrieb sind derart hoch, dass Entlassungen oder eine Straffung von Dienstleistungen die Folge sind. Auch Radio Prag ist davon betroffen. Die Regierung Nečas, die durch ein klares Votum der Wähler im Frühjahr zustande kam, will Nägel mit Köpfen machen. So konsequent wir noch keine Regierung vor ihr, will sie der weiteren Verschuldung des Landes einen dicken Riegel vorschieben. Und auch die Korrupten im Land sollen nicht mehr so viele Schlupflöcher haben, wie sie hierzulande immer noch zu finden sind.

Soweit, so gut. Wollen die Bürger aber die neue, harte Welle auch mittragen? Diese Frage lässt sich momentan nicht eindeutig beantworten. Es gibt aber zumindest einige Hoffnungsschimmer in der Hinsicht, dass sich die Tschechen mehr und mehr fragen, was sie eigentlich wollen. Zum Beispiel keine Gesetze, Statuten und Regeln, die nur auf dem Papier stehen. Sie sollen auch befolgt werden. Einen neuen Maßstab für diese These hat die höchste Spielklasse im Eishockey, die Extraliga gesetzt.

Nach einem Drittel der laufenden Saison wurde bekannt, dass drei Vereine gegen die Spielordnung der Liga verstoßen haben. Mladá Boleslav, Pilsen und Kladno hatten einige ihrer Spieler nicht ordnungsgemäß angemeldet, weshalb sie – dem Regelwerk entsprechend – mit zum Teil drastischem Punktabzug bestraft wurden. Das Gezetere und Geheul der Geschädigten war groß, weil man ihrer Meinung nach banale „administrative Fehler“ nicht mit dieser Konsequenz bestrafen könne. Der Haken aber ist: Die Regeln für das Prozedere der Spieler-Registrierung haben die Vereine selbst beschlossen. Also auch Mladá Boleslav, Pilsen und Kladno.

Spieler in Mladá Boleslav (Foto: BK Mladá Boleslav)Spieler in Mladá Boleslav (Foto: BK Mladá Boleslav) Neuesten Meldungen zufolge hat der Schlittschuhclub aus Mladá Boleslav vor Saisonbeginn zudem gegen eine Auflage des Lizenzierungsverfahrens verstoßen. Ist dem so, droht den Mittelböhmen sogar der Ausschluss aus der Liga. Das wollen die Škoda-Städter nicht wahrhaben, und das bringt mittlerweile auch den Präsidenten des Eishockeyverbandes (ČSLH), Tomáš Král, auf die Palme. „Leider nehme ich unsere ganze Gesellschaft so wahr, dass man hier ständig damit konfrontiert wird, dass irgendetwas nicht respektiert wird. Das ist unsere Achillesferse, die größer ist als in den Nachbarländern. Wenn bei uns aber Regeln auftauchen, überlegt jeder, wie er sie umgehen kann.“

Eine verblüffend offene Sichtweise des Eishockey-Verbandspräsidenten, wie man sie hierzulande noch selten findet. Das könnte sich rasch ändern, wenn die Parlamentarier endlich auch die Gesetze machen und durchsetzen, die sie dem Volk versprechen. Dazu gehört ganz besonders das Gesetz zur Gehaltskürzung der Politiker, Richter und Staatsvertreter. Falls nicht, muss man sich nicht mehr fragen, warum fast alle Tschechen ständig überlegen, wie man die Gesetze umgehen kann.

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