Feuilleton Makabere Fensterstürze ins Verderben
Die Prager Fensterstürze ziehen sich wie ein roter Faden durch die tschechische Geschichte. Haben Sie sich da nicht auch schon mal gefragt, warum diese Form der "politischen Konfliktlösung" vor allem in der Goldenen Stadt eine besondere Tradition hat? Stürzen Sie sich nun mit uns in eine Betrachtung zu diesem etwas makaberen Thema.
Fenstersturz
"Zum Lachen in den Keller gehen", sicherlich haben Sie dieses
Sprichwort schon einmal gehört. Aber wussten Sie, dass man, zumindest dem
tschechischen Volksmund nach, in Prag am besten auch gleich die Politik im
Souterrain macht, weil dort keine Absturzgefahr besteht?
Natürlich waren die so genannten "Defenestrationen" äußerst makabere Angelegenheiten. Beim "Ersten Prager Fenstersturz" 1419 fielen die "defenestrierten" Ratsherren direkt auf die Spieße der vor dem Neustädter Rathaus versammelten Menschenmenge. Diesem blutigen Vorfall sollten die noch weit blutigeren Jahrzehnte der Hussitenkriege folgen.
Aber bereits aus dem nächsten, allerdings inoffiziellen Fenstersturz entstand eine sarkastische Redewendung. Um einer geplanten Verschwörung der katholischen Stadträte entgegenzuwirken, stürmten Prager Bürger 1483 das Altstädter Rathaus und warfen den Bürgermeister Klobouk, nach "böhmischem Brauch", wie es mittlerweile hieß, kurzerhand aus dem Fenster. Seitdem war es in Prag üblich, ungeliebten Personen zu sagen: "Du sollst Bürgermeister werden!" - ein klares Zeichen für den ironisch-distanzierten Umgang der Bevölkerung mit diesem Phänomen.
Fenstersturz von 1618
Der wohl bekannteste, der "Zweite Prager Fenstersturz" 1618 galt
als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges. Aber auch dieser trägt
komisch-groteske Züge. Im Handgemenge stürzten protestantische Adlige zwei
Statthalter des erzkatholischen Habsburger Kaisers Ferdinand II. und einen
Sekretär aus der Prager Burg. Angeblich landeten die drei sanft auf einem
Misthaufen und kamen ohne Blessuren davon. Der Sekretär wurde später
geadelt und erhielt den Namenszusatz "von Hohenfall".
Jan Masaryk
Selbst in der modernen tschechischen Politik verliert der Fenstersturz
nichts von seiner Brisanz: Unter mysteriösen Umständen stürzte 1948 der
damalige Außenminister und Sohn des Republikgründers, Jan Masaryk,
angeblich in selbstmörderischer Absicht aus dem Fenster seines Büros und
starb. Bis heute hält sich der Verdacht, es könne kein Zufall gewesen
sein, dass der einzige Nichtkommunist in einem stalinistischen Kabinett
auf diese Weise den Tod fand. Dieser angebliche "Dritte Prager
Fenstersturz" war damals gleichbedeutend mit dem Tod des letzten
hochkarätigen Systemkritikers.
Die Prager Fensterstürze waren also eigentlich immer Folgen von
politischen Konflikten. Gleichzeitig lösten sie oft eine weitere
Eskalation dieser Konflikte aus, mit weit reichenden und verheerenden
Konsequenzen für die Bevölkerung. Bleibt also nur zu hoffen, dass die
derzeit ausweglos scheinende Regierungskrise in Tschechien möglichst bald
gelöst wird. Ein erneuter Fenstersturz, aus reiner Verzweiflung der
Politiker, könnte katastrophale Folgen haben. Aber bitte, liebe Leser,
nehmen Sie diesen Gedanken nicht zu allzu ernst und gehen Sie
vorsichtshalber zum Lachen in den Keller.






