Feuilleton Kritik ja - aber sachlich
Tschechien und die EU. Eine Beziehung der besonderen Art könnte man sagen. Und das nicht erst seit gestern. Dabei ist in Tschechien immerhin knapp die Hälfte der Bevölkerung der Meinung, die EU-Mitgliedschaft sei eine gute Sache. Weit mehr als etwa in Österreich. Dafür sind in Tschechien zahlreiche Spitzenpolitiker für ihre reservierte Haltung zur EU-Mitgliedschaft bekannt. Allen voran Staatspräsident Václav Klaus, der die EU offenbar als echte Bedrohung der staatlichen Souveränität betrachtet. Seine Einstellung gegenüber der europäischen Einheitswährung muss man schon deutlich mehr als bloß „reserviert“ nennen.
Präsident Václav Klaus (Foto: ČTK)
Bei seiner Rede zum tschechischen Nationalfeiertag am vergangenen Dienstag
machte Václav Klaus einmal mehr seinem Ruf als überzeugter EU-
freundlich
ausgedrückt - Skeptiker alle Ehre. Zwar konstatierte er eingangs, dass
die
Entscheidung zum EU-Beitritt demokratisch und mit deutlicher Mehrheit
gefallen sei. Doch über die wohl unbestreitbaren Vorteile, die der
EU-Beitritt für das Land gebracht hat, verlor er keine Silbe. Und keine
drei Sätze später rückte das Staatsoberhaupt die EU bildlich bedenklich
nahe an das vor nicht einmal 20 Jahren untergegangene totalitäre
kommunistische Regime. Zwar sind des Präsidenten starke Worte in den
tschechischen Medien weitgehend untergegangen. Die genaue Aufzählung von
Mann und (Kriegs)-Gerät, die sich bei der ersten Militärparade seit zwei
Jahrzehnten
inszenierten, ließ keinen Platz für den Nebenschauplatz Europapolitik.
Schließlich musste ja auch des Volkes Freude über den so einzigartigen
wie in seiner Notwendigkeit fragwürdigen Armee-Event entsprechend in Wort
und Bild gerückt werden.
Markus Ferber
Im fernen München aber vernahm man das weitere Indiz für das mangelnde
EU-Bewusstsein beim Nachbarn. Der CSU-Abgeordnete Markus Ferber wagte zu
bezweifeln, ob denn Tschechien überhaupt in der Lage sein, den EU-Vorsitz
im nächsten Jahr zu schaffen. Eine Anmaßung, könnte man im ersten
Augenblick versucht sein zu sagen. Doch Fakt ist, dass diese Kritik auch
aus anderen Staaten zu vernehmen war. Und ganz unberührt wird sie wohl
auch die Brüsseler „Chefetage“ nicht gelassen haben. Doch des
CSU-Abgeordneten Analyse der tschechischen Innenpolitik kann man -
freundlich gestimmt - nur „abenteuerlich“ nennen: Premier Topolánek
sei die Mariotte des Präsendenten Klaus, so Ferber. Und Topolánek habe
zunächst den EU-Reformvertrag von Lissabon zwar unterzeichnet, ihn dann
aber sofort "mit nach Hause genommen" und dem Verfassungsgericht
zwecks Überprüfung vorgelegt.
Erstens: Topolánek und Klaus bemühen sich bereits seit Jahren nicht
besonders, ihre gegenseitige Abneigung vor der Öffentlichkeit zu
verbergen. Zweitens: Nicht der Premier, sondern das Oberhaus des
Parlaments, der Senat also, hat das Verfassungsgericht mit der Prüfung
des
Lissabon-Vertrags beauftragt. Selbst wenn er wollte – dem Premier allein
fehlt die Kompetenz dazu.
Foto: Europäische Kommission
Mit der Bemerkung „Hier grüßt wieder mal der Herr Švejk, wie wir das
aus der Geschichte, aus der Literatur kennen, aber das ist nicht
politisches Handeln“, wollte Herr Ferber offenbar etwas mehr „Pep“
in
sein Statement zu bringen. In Wahrheit lässt er seine Kritik damit ins
floskelhafte abgleiten und beraubt sie endgültig ihrer fachlichen
Grundlage. Übrig bleibt die Bedienung sattsam bekannter Klischees. Da
kann
man nur sagen: Schade um die vergebene Chance. Denn aus der Sicht eines
überzeugten Europäers wäre fundierte und sachliche Kritik am Verhalten
des einen oder anderen tschechischen Spitzenpolitikers durchaus nicht
verkehrt.





