Feuilleton Jugendinitiativen auf dem Weg nach Europa

26-06-2004 | Gerald Schubert

Die Politik zwischen den Nachbarn in der Europäischen Union wird nicht nur von Politikern gemacht. Unbelastet von Wahlterminen zu Hause kümmern sich junge Menschen, die sich in verschiedenen Organisationen zusammengefunden haben, um grenzüberschreitende Kontakte und damit um ihre eigene Zukunft im gemeinsamen Europa. Ihnen hat Gerald Schubert das folgende Feuilleton gewidmet:

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Die Frage klingt stets ein bisschen anders. Mal ist sie etwas konkreter formuliert, mal etwas allgemeiner. Mal aus beruflichem Interesse, ein andermal einfach privat. Im Wesentlichen lautet sie: Was ist denn besonders interessant an der Arbeit als deutschsprachiger Journalist in Prag? Und ohne falsche Scham davor, mich eventuell zu wiederholen, sage ich dann gerne: Ich kann mich aktiv und aus nächster Nähe mit einer Gesellschaft befassen, in der ich nicht aufgewachsen bin. Das empfinde ich als Bereicherung und als Privileg.

In den letzten Monaten war die politische Agenda in Tschechien hauptsächlich vom Beitritt zur Europäischen Union geprägt. Wie das Land gleichzeitig stolz und schwankend auf das Datum des Beitritts zusteuerte, wie Geschichtsbewusstsein und Machtbewusstsein dabei einander manchmal in die Quere kamen, wie die Debatten an den Stammtischen, in den Medien und zwischen den Spitzenpolitikern verliefen - all das war und ist zweifellos ungemein interessant. Nicht weniger interessant ist aber die Beobachtung, dass sich inmitten des Getöses aus öffentlicher Meinung und politischer Diplomatie immer mehr junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenfinden, sich organisieren und gemeinsam ihre selbst gewählte, europäische Arbeit tun.

Gerade im Kontext der EU-Erweiterung sind unzählige Jugendinitiativen entstanden. Sie entwerfen Projekte, suchen sich Finanzierungsmöglichkeiten, gehen mit ihren Ideen an die Öffentlichkeit und nutzen moderne Kommunikationstechnologien, um sich auch untereinander zu vernetzen. Das Ziel, das die meisten von ihnen gemeinsam haben, klingt bescheiden und ist doch anspruchsvoll: Sie wollen einander kennen lernen.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Selbstverständlichkeit ist das keine. Wir müssen nur einen Blick auf die Entwicklung der tschechisch-deutschen Nachbarschaft werfen, um ganz nüchtern feststellen zu können: Die Generation der heute Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen ist seit sehr langer Zeit die erste, die sich auf der jeweils anderen Seite der Grenze weitgehend ungestört umsehen kann. Nach Freunden, Perspektiven, neuem Wissen und neuen Aufgaben.

Viele Angehörige dieser Generation tun das auch. Sie starten Medienprojekte, um herauszufinden, was man eigentlich schon längst voneinander wusste, ohne es zu wissen. Sie befragen tschechische und deutsche Politiker zu ihrem Bild von den Nachbarn, werten die Ergebnisse aus und veröffentlichen sie. Sie helfen sich gegenseitig, im jeweils anderen Land als Studentinnen und Studenten Fuß zu fassen. Sie kommen in bestehenden Organisationen wie dem Deutsch-tschechischen Jugendforum zusammen oder gründen ihre eigenen Vereine. Allesamt aber handeln sie zutiefst politisch. Innerhalb des europäischen Einigungsprozesses vollziehen sie eine kleine aber klare Bewegung. Und wenn diese Bewegung oft auch schon ihr eigenes Ziel ist, so verblasst vor ihr dennoch die bisweilen immer noch beliebte Politrhetorik von Provokation und Angstmache.

Wenn ich also das nächste Mal gefragt werde, was besonders interessant ist an meiner Arbeit als deutschsprachiger Journalist in Prag, dann werde ich sagen: Sie bringt mich nicht nur mit vielen Politikern in Kontakt, sondern auch mit vielen jungen Menschen aus Tschechien und Deutschland, die sich eine gemeinsame Zukunft schaffen wollen und sich dabei nicht nur auf die Politiker verlassen. Auch das empfinde ich als Bereicherung und als Privileg.

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