Feuilleton Exekutionen bei Radio Prag
Liebe Hörerinnen und Leser, ich möchte dieses Sendeplätzchen, diese kleine Spalte auf unserer Webseite heute dazu nutzen, Sie einmal um Entschuldigung zu bitten. Um Entschuldigung für etwas, für das wir - die Redakteure - zwar verantwortlich sind, aber im Gunde herzlich wenig können. Wir sind auch nur Opfer…
…Opfer einer höheren Gewalt, einer höheren Sprachgewalt, die uns immer fester im Griff zu haben scheint. Man sollte ja eigentlich meinen, die Muttersprache könne sich nicht verlieren, sei unauslöschbarer Teil des Selbst. So wie ein Muttermal. Aber das ist nicht wahr. Wir Deutschen hier in Prag, in der sprachlichen Diaspora, spüren tagtäglich: Es bröckelt. Das Tschechische nagt unaufhaltsam an unserer Muttersprache.
Das wird schon bei einer leichten, geradezu beiläufigen Konversation
ohrenfällig. Ein Beispiel - ich erzähle am Telefon einem Freund in
Deutschland: „Gestern waren wir mit Katka im Kino“. Preisfrage: Wie
viele Leute waren also im Kino? Mein deutscher Freund ginge davon aus, es
müssen mindestens drei gewesen sein. Für Tschechen – und leider eben
mittlerweile auch für mich – ist das eine völlig normale Formulierung,
die besagt: Es waren im Kino nur Katka und ich. Das ist ein klassisches
Beispiel für einen Tschechismus. So nenne ich das immer, kassiere dafür
aber sofort von tschechischen Freunden und Kollegen einen Rüffel, denn
„Tschechismus“, das klinge ja wie eine Krankheit, sagen sie. Aber so
ein bisschen ist es auch eine Krankheit, das spüren wir hier in der
Redaktion.
Bei uns auf der Webseite können sie zum Beispiel lesen: „Die
Karlsbrücke wird rekonstruiert“. Sie werden sich da vielleicht sagen:
´Ich war erst vor kurzem in Prag, da stand sie doch noch, die schöne
Brücke. Wie bedauerlich!´. Ich kann sie aber beruhigen: Die Karlsbrücke
schlägt weiterhin ihren sanften Bogen über die Moldau. Ebenso können Sie
bei Radio Prag lesen: „Das Kernkraftwerk Dukovany soll rekonstruiert
werden“. Da wird es dann heikel - ein altes, nicht mehr existierendes AKW
rekonstruieren?! Tschechien wäre das erste Land der Welt, das sich in
solch ein Abenteuer stürzen würde. „Rekonstruktion“ im Deutschen ist
der Vorgang des neuerlichen Erstellens oder Nachvollziehens von etwas mehr
oder weniger nicht mehr Existierendem. Im Tschechischen bedeutet
„rekonstrukce“ schlicht Sanierung oder Restaurierung.
Interessant auch das Wort „exekuce“. Bei uns kann es vorkommen, dass Kulturdenkmäler oder auch Sozialhilfe exekutiert werden. Wenn sie so etwas lesen, dann setzen Sie einfach das Wort „pfänden“ ein. Hübsch-gefährlich ist auch das Wort „Konkurs“. Exklusiv bei Radio Prag werden Sie informiert, dass die Berliner Philharmoniker finanzielle Probleme haben: „Der Dirigent Herbert von Karajan wurde auf Jan Slabák aufmerksam und lud ihn zum Konkurs zu den Berliner Philharmonikern ein.
Der Tschechische Rundfunk sollte uns muttersprachlichen Redakteuren regelmäßige Kuraufenthalte in Deutschland bezahlen – Kuraufenthalte zur „sprachlichen Rekonstruktion“.
Aber bevor das geschieht, müssen Sie, liebe Hörerinnen und Leser, sich
mit einer Entschuldigung für diese Tschechismen begnügen. Sie zeugen vor
allem von einem: Wir leben gern in diesem Land.







