Feuilleton Die verlorene Seele der Nation und die Präsidentschaftswahl

26-01-2003 | Martina Schneibergová

Zwei Fernseherlebnisse aus der jüngsten Zeit schildert Martina Schneibergova im folgenden Feuilleton:

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Die verlorene Seele der NationDie verlorene Seele der Nation Am Donnerstagabend brachte das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen die letzte Folge seiner neuen Doku-Serie mit dem Titel "Die verlorene Seele der Nation", in der das totalitäre kommunistische Unrecht und der Verlust der geistlichen Identität des Volkes dokumentiert wurde. Es handelte sich um ein recht grausames Erinnern daran, was Tschechen den Tschechen in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts angetan haben. Die Dokumentationsreihe erinnerte an die unbestraften Verbrechen und zugleich an die Schuld der damaligen schweigenden Mehrheit...

An die 250 unschuldige Menschen wurden damals in Schauprozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet, die Justizmorde sind unbestraft geblieben. Tausende andere unschuldige Menschen wurden in Arbeitslager verschleppt und zu jahrelangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Die einzelnen Folgen beschrieben anhand konkreter Beispiele das Schicksal derjenigen, deren Liquidierung von den Kommunisten angeordnet worden war - es handelte sich um hohe Armeevertreter, die während des Zweiten Weltkriegs im Auslandgekämpft hatten, Landwirte, die von den Kommunisten enteignet worden waren, Priester, Mitglieder der Ordensgemeinschaften sowie einfache Gläubige, Aktivisten der demokratischen Parteien, aber auch z. B. führende Vertreter der Pfadfinder. In einer der Folgen wurde an das weniger bekannte Schicksal der russischen Emigranten erinnert, die einst vor den Bolschewiken in die Tschechoslowakei geflüchtet waren, aber schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in die Hände der Bolschewiken fielen.

An die von den Kommunisten Ermordeten erinnerten sich in dem Dokumentarfilm deren Verwandte. Ihr Schicksal schilderten auch einige der politischen Gefangenen, die sowohl die Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs, als auch kommunistische Gefängnisse erlebt und überlebt haben. Einige Male erklang da übrigens die Feststellung, von den Nazis seien sie nicht so erniedrigt worden wie von den kommunistischen Aufsehern. Es ist gut, dass eine solche Dokumentationsreihe entstanden ist, es bleibt jedoch dieFrage, wie viele Menschen sie verfolgt haben, ob unter den Zuschauern auch die Präsidentschaftskandidaten waren, die sich so sehr um die Stimmen der kommunistischen Parlamentarier bemühten und bereit waren, sich entsprechend zu revanchieren.

Kurz vor dem Beginn des Dokumentarfilms konnte man am Donnerstagabend in der Nachrichtensendung auch den strahlenden Parteichef der Kommunisten Grebenicek sehen. Auf die Frage der Medien, was er für die Unterstützung von Ex-Premier Zeman bei der Präsidentenwahl verlangen würde, antwortete der Chefkommunist mit harter Miene: "Er wird noch Blut schwitzen." Der Auftritt und das benutzte Vokabular des kommunistischen Parteichefs stellte eine Art geeignetes und mahnendes Vorspiel für den kurz danach gesendeten Dokumentarfilm. Insbesondere, wenn man bedenkt, wie Parteichef Grebenicek stolz auf seinen Vater ist, der als ehemaliger gefürchteter Aufseher in kommunistischen Gefängnissen bislang auch selbst nur die Gerichtsverhandlung erfolgreich gemieden hat.

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