Feuilleton Die Prager Flucht vor dem Urbanen

16-03-2003 | Gerald Schubert

An den Wochenenden, und vor allem ab dem nun langsam beginnenden Frühling, heißt es in der tschechischen Hauptstadt oft: Einheimische raus, Besucher rein. Gerald Schubert hat sich für sein nun folgendes Feuilleton einige Gedanken über die traditionelle Prager Stadtflucht gemacht.

PragPrag Vor genau einem Monat habe ich an dieser Stelle unter anderem über die Liebe vieler Tschechen zum Gebirge gesprochen. Ich habe die Prager U-Bahn-Stationen beschrieben, die Sonntagnacht gewöhnlich von Tausenden wohl ausgerüsteter Bergheimkehrer überfüllt sind, die sich - quasi in letzter Minute, um nur ja keinen Augenblick am Busen der Natur zu verpassen - in die Metropole zurückzwingen. Heute möchte ich mich noch einmal dieser Prager Stadtflucht widmen und in diesem Zusammenhang eine These aufstellen, die manche vielleicht überraschen wird. Nämlich: In Prag mangelt es an einer ausgeprägten urbanen Kultur.

Eine historisch gesehen naheliegende Begründung dafür, dass so viele Pragerinnen und Prager ein eher kühles und pragmatisches Verhältnis zu ihrer Stadt pflegen, liegt sicher in der noch bis vor dreizehn Jahren allgegenwärtigen kommunistischen Bevormundung. Das permanente Gefühl, bespitzelt oder doch zumindest von der totalitären Terminologie zugedröhnt zu werden, wich wohl in der freien Natur, weit ab vom real existierenden Einerlei, einer gewissen Erleichterung. Doch das alleine reicht als Erklärung bestimmt nicht aus. Man muss auch etwas weiter in die Vergangenheit zurückblicken. Bereits zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie waren die für Entwicklung und Bestand einer Stadtkultur wesentlichen Schlüsselpositionen überproportional stark von deutschsprachigen Bewohnern besetzt. Zunächst im Adel, später im aufstrebenden Bürgertum, noch später bei den Tonangebern der industriellen Revolution. Kein guter Boden also für das Entstehen einer ganzheitlich verankerten, tschechischen Urbanität.

Die genannten Ursachen für die Prager Stadtverdrossenheit mögen nur einige von vielen sein. Und auch die zu beobachtenden Phänomene beschränken sich nicht auf die Tatsache, dass es am Wochenende so viele Einheimische aufs Land zieht. Wer aufmerksam durch Prag geht, kann das durchschnittlich wenig ausgeprägte urbane Bewusstsein seiner Bewohner auch an anderen Dingen erkennen. Irgendwie etwa scheint man immer nur möglichst schnell von A nach B kommen zu wollen. Man verweilt nicht gerne im öffentlichen Raum. Es gibt kaum Radwege, die Schaltung der Fußgängerampeln ist etwas für reaktionsschnelle Draufgänger, dafür ist das Gedränge in der U-Bahn und auf den Straßen umso größer. Und es entsteht jene Hektik, vor der man dann am Freitag oder spätestens am Samstag wieder flüchtet.

Beispiel Nummer zwei: Jene in so vielen Städten beheimateten Wochenzeitungen, die sich einer urbanen Infrastruktur widmen, die eine publizistische Plattform für Berufswelt und Freizeitleben, für sogenannte Hoch- und sogenannte Subkulturen, für Einheimische und Besucher darstellen - es gibt sie auch in Prag. Nur: Sie sind in der Regel auf Deutsch oder Englisch abgefasst.

Doch was nicht ist, das kann ja noch werden. Wer mit Prag nicht nur kurz Bekanntschaft gemacht, sondern sich über längere Zeit hinweg mit der Stadt eingelassen hat, der spürt auch ihre atemberaubende Entwicklung. Und die ist ganz bestimmt nicht der einzige Grund, der Prag letztlich so lebenswert macht. Die Stadt ist nämlich wunderbar. Genau darum hätte sie sich ein wenig mehr urbanes Selbstbewusstsein verdient.

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