Feuilleton Der Preis der Freiheit

03-04-2004 | Alexander Schneller

Vieles ist nicht mehr so wie früher. Das gilt für alle Regionen in der Welt. Besonders für ein Land wie Tschechien, das seit einigen Jahren radikale Änderungen erlebt und zu bewältigen hat. Das hat auch mit der neu gewonnenen Freiheit zu tun. Denn die ist nicht zum Nulltarif zu haben. Dazu die folgenden Überlegungen von Alexander Schneller.

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Unter all dem Schrecklichen, das in den letzten Tagen und Wochen passiert ist, hat in Tschechien vor allem ein Ereignis die Gemüter zutiefst erregt und bewegt: Der Mord eines 16jährigen Schülers an seinem Lehrer in Svitavy (Zwittau).

Nun ist in einem solchen Fall für die Meisten alles sofort klar: Typisch für die heutige, die ach so böse und womöglich von den Medien verdorbene Jugend. Ausserdem hört man hierzulande jetzt nicht selten wieder Stimmen, die finden, dass das früher, vor der Wende, nie und nimmer hätte passieren können. Dass damals noch Zucht und Ordnung herrschten. Gerade Letzteres ist mir, der ich aus der Schweiz stamme, gut bekannt: So ähnlich argumentierten vor 30 und mehr Jahren auch unsere Eltern und Grosseltern. Der Mensch hat ja mit zunehmendem Alter eh die Neigung, das Frühere immer besser zu finden als das Gegenwärtige.

Zurück zum Mordfall in Svitavy. Die Motive sind nach wie vor unklar. Klar aber ist, dass wir in einer Zeit leben, in der der Respekt vor dem Leben des Anderen rapide am Sinken ist. Man denke nur daran, wie leichtfertig der Terrorismus mit Menschenleben umgeht. Ausserdem ist klar, dass gerade die Staaten, die noch vor ein paar Jahren in einem repressiven System lebten, in dem Unterordnung und Gehorsam und nicht eigenes Denken und Handeln geboten waren, dass solche Staaten also immer noch in einer Übergangszeit leben und sich an die neuen Situationen gewöhnen müssen. So schrecklich die Bluttat gegen Lehrer Sibl auch ist, so dürfen wir doch nicht vergessen, dass es seit Jahrzehnten zum Beispiel in Amerika, aber auch in Europa Schulen gibt, wo sich die Lehrer vor den Schülern fürchten, wo Gewalt gegen Lehrer und auch Mitschüler an der Tagesordnung ist. Grausamer Höhepunkt war einerseits das Massaker an einer Highschool im amerikanischen Littleton. Oder, uns näher, der Amoklauf eines Gymnasiasten im thüringischen Erfurt.

Freiheit will eben gelernt sein. Freiheit ist auch riskant, zuweilen gefährlich, lebensgefährlich sogar. Und wenn zur Freiheit noch der Tanz ums Goldene Kalb, also ums Geld, kommt, wirds endgültig problematisch. Die Gefahr, dass wir vereinsamen, wenn wir uns nur noch um unser eigenes Wohl kümmern, wenn für uns das eigene Fortkommen, der eigene Geldbeutel im Zentrum allen Tuns und Wollens steht, ist sehr gross. Allerdings sollten wir denjenigen zutiefst misstrauen, die immer und stets die Patentrezepte zur Hand haben, an die dumpfen Ressentiments appellieren und Freiheit zugunsten von mehr Sicherheit einschränken wollen. Aber da wir ja in der Freiheit leben, sollten wir vermehrt versuchen, den Problemen durch eigenes verantwortliches Handeln und ein vermehrtes Miteinander zu begegnen. Damit der Preis der Freiheit letzten Endes nicht doch zu hoch wird.

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