Feuilleton Der bizarre Reiz des Prager Sommers
Das Leben in der Hauptstadt Prag hat einen bizarren Reiz. Und seine eigenen Gesetze. Denn neben den vier Jahreszeiten, die Kälte, Matsch, Sonne, Wind und Nässe bringen, unterscheidet der Prager vor allem drei Perioden: die Arbeits- und Schaffenszeit, die Haupturlaubszeit und die Weihnachtszeit. Bis zur letzteren Periode dauert es noch etwas und sie ist mit maximal zwölf Tagen auch die kürzeste. Deswegen ist sie nicht nur schnell zu Ende, sondern auch sehr speziell.
Betrachten wir also vornehmlich das Geschehen, das dem Prager stets
zwischen Ende Juni und Anfang September entgegenwirkt. Kurz nach der
Sommersonnenwende beginnt eine etwas hektische Betriebsamkeit. Männer und
Frauen erledigen die letzten Besorgungen vor dem Jahresurlaub. Die Väter
bringen noch schnell das Familienauto auf Vordermann, die Mütter kümmern
sich vor allem um das leibliche Wohl. Unter den Kindern wächst von Tag zu
Tag die Vorfreude auf die lange Ferienzeit. Nur Schulschwänzern und
Sitzenbleibern droht ein hartes Brot: der Tag der Zeugnisübergabe.
Pünktlich mit dem 1. Juli lichten sich die Reihen in den großen
Plattenbausiedlungen an den Prager Stadträndern. Mit einem Schlag entdeckt
man Parklücken, die sonst kaum zu finden sind. Der Verkehr beruhigt sich
auch auf dem Weg zur Arbeit. Die Menschenmengen, die sich in der Rushhour
in Richtung Arbeitsplatz bewegen, sind kleiner. Dafür aber sind die
Intervalle größer, in denen man auf die Metro oder den Bus warten muss.
So manche Straßenbahn stellt ihren Dienst vorübergehend ganz ein, denn
das ungeliebte Wort „výluka“ macht nun wieder oft die Runde.
„Výluka“ heißt übersetzt „Aussperrung“ oder „Ausschluss“ und
bedeutet nichts anderes, als dass wegen Gleisbauarbeiten einige
Straßenbahnlinien nur verkürzt oder gar nicht fahren. Der Prager erträgt
diese Einschränkung mit einer gesteigerten Portion Nonchalance. Denn es
ist Urlaubszeit – die Zeit zum Sonnenbaden, Würstchengrillen oder auch
Pilzesammeln, wenn der Sommer wieder einmal etwas feuchter ist, so wie der
letzte August. Auf der Arbeit ist etwas mehr Schongang angesagt, denn wer
will schon kaputt in „seinen“ Urlaub hetzen.
Die erneute Hektik und Hetzerei aber hat schon begonnen. Pünktlich zum 1.
September füllten auch wieder die jüngeren Zeitgenossen die Prager
Verkehrsmittel. Das neue Schuljahr hat begonnen. Auch die
Papierwarengeschäfte haben wieder Hochkonjunktur. So manches Schulheft war
noch nicht gekauft, auch Bleistifte und Kugelschreiber werden aufgefüllt.
Die „výluka“ und die Rolltreppen-Reparatur aber sind noch nicht zu
Ende. Dafür war die Urlaubszeit viel zu schön. Also muss jetzt überall
verstärkt geklotzt werden. Bis alles wieder in den gewohnten Bahnen
läuft. Die nächste hektische Betriebsamkeit aber kommt bestimmt.
Spätestens am 20. Dezember beginnt ein weiteres Mal der Run auf die
gewünschten wie überflüssigen Weihnachtsgeschenke.





