Feuilleton Der bizarre Reiz des Prager Sommers

04-09-2010 02:01 | Lothar Martin

Das Leben in der Hauptstadt Prag hat einen bizarren Reiz. Und seine eigenen Gesetze. Denn neben den vier Jahreszeiten, die Kälte, Matsch, Sonne, Wind und Nässe bringen, unterscheidet der Prager vor allem drei Perioden: die Arbeits- und Schaffenszeit, die Haupturlaubszeit und die Weihnachtszeit. Bis zur letzteren Periode dauert es noch etwas und sie ist mit maximal zwölf Tagen auch die kürzeste. Deswegen ist sie nicht nur schnell zu Ende, sondern auch sehr speziell.

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Betrachten wir also vornehmlich das Geschehen, das dem Prager stets zwischen Ende Juni und Anfang September entgegenwirkt. Kurz nach der Sommersonnenwende beginnt eine etwas hektische Betriebsamkeit. Männer und Frauen erledigen die letzten Besorgungen vor dem Jahresurlaub. Die Väter bringen noch schnell das Familienauto auf Vordermann, die Mütter kümmern sich vor allem um das leibliche Wohl. Unter den Kindern wächst von Tag zu Tag die Vorfreude auf die lange Ferienzeit. Nur Schulschwänzern und Sitzenbleibern droht ein hartes Brot: der Tag der Zeugnisübergabe.

Pünktlich mit dem 1. Juli lichten sich die Reihen in den großen Plattenbausiedlungen an den Prager Stadträndern. Mit einem Schlag entdeckt man Parklücken, die sonst kaum zu finden sind. Der Verkehr beruhigt sich auch auf dem Weg zur Arbeit. Die Menschenmengen, die sich in der Rushhour in Richtung Arbeitsplatz bewegen, sind kleiner. Dafür aber sind die Intervalle größer, in denen man auf die Metro oder den Bus warten muss. So manche Straßenbahn stellt ihren Dienst vorübergehend ganz ein, denn das ungeliebte Wort „výluka“ macht nun wieder oft die Runde. „Výluka“ heißt übersetzt „Aussperrung“ oder „Ausschluss“ und bedeutet nichts anderes, als dass wegen Gleisbauarbeiten einige Straßenbahnlinien nur verkürzt oder gar nicht fahren. Der Prager erträgt diese Einschränkung mit einer gesteigerten Portion Nonchalance. Denn es ist Urlaubszeit – die Zeit zum Sonnenbaden, Würstchengrillen oder auch Pilzesammeln, wenn der Sommer wieder einmal etwas feuchter ist, so wie der letzte August. Auf der Arbeit ist etwas mehr Schongang angesagt, denn wer will schon kaputt in „seinen“ Urlaub hetzen.

Die erneute Hektik und Hetzerei aber hat schon begonnen. Pünktlich zum 1. September füllten auch wieder die jüngeren Zeitgenossen die Prager Verkehrsmittel. Das neue Schuljahr hat begonnen. Auch die Papierwarengeschäfte haben wieder Hochkonjunktur. So manches Schulheft war noch nicht gekauft, auch Bleistifte und Kugelschreiber werden aufgefüllt. Die „výluka“ und die Rolltreppen-Reparatur aber sind noch nicht zu Ende. Dafür war die Urlaubszeit viel zu schön. Also muss jetzt überall verstärkt geklotzt werden. Bis alles wieder in den gewohnten Bahnen läuft. Die nächste hektische Betriebsamkeit aber kommt bestimmt. Spätestens am 20. Dezember beginnt ein weiteres Mal der Run auf die gewünschten wie überflüssigen Weihnachtsgeschenke.

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