Feuilleton Der August ist extrem - ist das Zufall oder nicht?
Hochwasser in Prag
Glauben Sie an Zufälle, liebe Hörerinnen und Hörer? Oder sind Sie gar
abergläubisch? Ich für meine Person möchte das nicht behaupten, aber wenn
man so auf den August starrt, dann muss man sich schon Gedanken machen.
Oder etwa nicht? Im vorigen Jahr kam er uns ja nun ganz, ganz feucht
daher: Wasser ohne Ende, den uns dieser August da bescherte, vor allem an
der Moldau, der Elbe, der Donau und deren Nebenflüssen ließ er es
ergießen. Krummau, Budweis, Prag und die Böhmische Schweiz waren
hierzulande halb abgesoffen, nachdem er all seine Schleusen geöffnet
hatte. So ein feuchter Bruder ist das also, dieser August. Aber nicht
doch, das war er - im vorigen Jahr. Heuer ist er wie verwandelt. Und
furztrocken. Er lässt uns förmlich schmoren. Aber warum nur?
Haben wir es nicht verstanden, mit dem Wasser, was er uns im Vorjahr im Übermaße gab, besser hauszuhalten? Aber nein: Auch bei seinem Gastspiel in diesem Jahr lässt er das Wasser wieder laufen, dieser August, nur eben anders: von unserer Stirn, durch unsere Kehlen oder per Duschstrahl an unserem Körper herab. Nur spüren wir sie kaum, diese Nässe, die uns im Vorjahr fast Ertrinken ließ und alles mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war. Als das Wasser abgeflossen war, hinterließ es nur noch einen Krater der Verwüstung. Schutt- und Schlammberge türmten sich, die schlafmützige Sonne schaffte es kaum, all den feuchten Dreck zu trocknen. Ist das vielleicht der Grund, warum der August diesmal der Sonne so in den Ohren lag und mahnte: Scheine, liebe Sonne scheine, so weit und breit es nur geht.
Aber
man kann es auch übertreiben. Warum müssen es denn nun gleich wieder
Rekorddampfbäder sein wie an diesem ominösen 13. August, als uns dieser
August hier in Prag die Luft auf 36,8 Grad Celsius erhitzte. So etwas hat
er noch nie getan seit 1775, als man hier an der Moldau begann, diese Glut
per Thermometer zu messen. Auch in Kopisty bei Most/Brüx ließ er es
glühen: satte 38,9 Grad Celsius heizte er dort ein. Und erst in Berlin,
der größten Stadt Deutschlands, da spielte er total verrückt - ach nicht
doch, das war ja schon vor 42 Jahren, als eine Heerschar uniformierter
Hitzköpfe gleich eine ganze Mauer baute, und das mitten durch die Stadt.
Vielleicht wusste man schon damals, dass man eines schönen Augusttages
eine solche Mauer schon benötigen werde, um in ihrem Schatten Abkühlung zu
finden. Aber warum hat man sie dann schon 1989, also vierzehn Jahre zu
früh, wieder abgerissen? Richtig, damals kannte man bei deren Urhebern ja
nur die Planwirtschaft. Und bei der Planung dachte man immer nur für fünf
Jahre im Voraus. Aber das Volk hat dieses unrentable Wirtschaftssystem eh
nicht verstanden und es dann auch abgeschafft, mitsamt der Mauer. Schade
nur, dass dies vor dem Jahr 2002 passierte, denn im vergangenen Jahr hätte
man die Berliner Mauer in Prag, als hier die Moldau gefräßig über ihre
Ufer trat, als Schutzwall ganz gut gebrauchen können: bei der
Künstlerinsel Kampa, im Stadtteil Karlín und im Prager Zoo zu Troja. Rein
zufällig natürlich. Aber wer glaubt denn schon an Zufälle?






