Feuilleton Böhmische Atombombe fordert erstes Opfer
Die Sonne strahlt über Tschechien, blauer Himmel, tropische Temperaturen. Das Land eilt den Sommerferien und dem Sommerloch zu. Live zu sehen ist das morgens im Frühstücksfernsehen.
In der Sendung "Panorama" schwenken fest installierte Kameras zu
Synthesizerklängen über satte Wiesen und wankende Wipfel - Livebilder aus
den tschechischen Urlaubsregionen. Hier ist die Welt und das Fernsehen
noch in Ordnung. Doch dann geht eine Bombe hoch. Genauer gesagt eine
Atombombe. Und zwar am Sonntagmorgen um 8 Uhr 16, mitten im
Riesengebirgstal Cerny Dul - im Fernsehen ist es deutlich zu sehen: Ein
weißer Blitz, das Bild wird grisselig (die Strahlung!), und schon wölbt
sich ein Atompilz in den böhmischen Himmel. Schon bald aber ist klar:
Hinter dem Anschlag steht kein abgelegener Schurkenstaat, sondern die - in
vielen Augen ebenso schurkische - Künstlergruppe "ztohoven", was
man etwa mit "Rausvonhier" übersetzen müsste. Und die hat
natürlich nur den Laptop zu Hilfe genommen, der sich offenbar auch ganz
problemlos an die nicht weiter gesicherte fest installierte Kamera
anschließen ließ.
Ziel der Aktion: Keineswegs die Auslöschung der riesengebirglichen Vorferienidylle. Einen Anstoß habe man den Zuschauern vielmehr geben wollen - dafür, den gewohnten Blick auf die Welt zu hinterfragen, skeptisch zu sein gegenüber den Medien, die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Genialer Streich oder krimineller Akt? Darüber streitet sich gerade die tschechische Öffentlichkeit. Die virtuelle Bombe argumentiert derweil für sich. Denn nun ist der Kamerabetreiber Sitour ins Zwielicht geraten. Bis zum vergangenen Jahr nämlich zahlten Städte und Gemeinden die nicht geringen Gebühren, um werbeträchtig im Frühstücksfernsehen in Erscheinung zu treten. Dann klinkte sich das Ministerium für Regionalentwicklung finanziell ein. Was der Atomblitz nun enthüllte - die Betreiberfirma kassiert derzeit die Gebühren doppelt: von Staat und Gemeinden. Die Firma dürfte damit zum ersten Atombombenopfer auf böhmischen Boden werden. Und damit kann das Sommerloch kommen.





