Tschechien in Europa Twinning-Projekt der EU anerkennt medizinische Ausbildung und erleichtert Arbeitsmigration

04-07-2005 | Sandra Dudek

Das tschechische Gesundheitswesen krankt: Die Krankenkassen sind haushoch verschuldet, die Patienten klagen über die - im EU-Vergleich jedoch relativ niedrige - Selbstbeteiligung, das Einkommen der Ärzte ist beschämend. Ungeachtet der finanziellen Krise aber liegt die tschechische Medizin durchaus auf europäischem Niveau. Durch ein so genanntes Twinning-Projekt der Europäischen Union kann nun die Qualität der in Tschechien erworbenen Ausbildung im medizinischen Bereich europaweit anerkannt werden. Über die Hintergründe und Ziele des Projektes informiert Sandra Dudek:

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Immer wieder stößt man in tschechischen Tageszeitungen auf Inserate eines renommierten Wiener Privatkrankenhauses: Gesucht wird qualifiziertes medizinisches Personal, geboten gute Bezahlung. Für so manchen tschechischen Arzt ein guter Grund, die zwar vertraute, aber schlecht bezahlte Arbeitsstelle zu verlassen. Besonders im medizinischen Bereich ist Arbeitsmigration des lieben Geldes wegen keine Seltenheit und in Europa ein seit zehn Jahren bestehendes Phänomen: Österreichische Ärzte übersiedeln beispielsweise nach Deutschland und deutsche Ärzte weiter nach Norden in die skandinavischen Länder. In einigen Tagen endet ein EU-Projekt, das nun auch Ärzten und Krankenschwestern der Tschechischen Republik ermöglicht, an diesem "Karusell der Arbeitsmigration" teilzunehmen. Dazu Otmar Kloiber, Generalsekretär des Weltärztebundes:

"Das Projekt war ein so genanntes Twinning-Projekt der Europäischen Union, das dazu gedacht war, die tschechische Regierung, in diesem Fall das tschechische Gesundheitsministerium in die Lage zu versetzen, ausländische Diplome im Bereich des Gesundheitswesens richtig anzuerkennen und gleichzeitig auch tschechischen Bürgen beziehungsweise europäischen Bürgern, die in der Tschechischen Republik arbeiten, entsprechende korrekte Diplome auszustellen."

Otmar Kloiber, Generalsekretär des WeltärztebundesOtmar Kloiber, Generalsekretär des Weltärztebundes In den beiden Büros in Prag und Brünn, die eigens für das Projekt eingerichtet worden sind, wurde auch ganze Arbeit geleistet: Seit dem Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union, also seit dem 1. Mai 2004, wurden annähernd 1.300 Diplome von Ärzten, Zahnärzten, Pharmazeuten und 600 Diplome von Krankenschwestern und Geburtshelferinnen aus den Mitgliedsländern der EU anerkannt, fasst Ivanka Kohoutova, Projektverantwortliche im tschechischen Gesundheitsministerium, zusammen. In der Tschechischen Republik sehe die Bilanz vorläufig wie folgt aus, so Kohoutova:

"Gleichzeitig wurden 210 Bestätigungen für tschechisches Personal im medizinischen Bereich ausgestellt, die in andere Mitgliedsländer emigriert sind. Außerdem gab es 690 Bestätigungen für tschechische Ärzte, Zahnärzte und Pharmazeuten, die ins Ausland gegangen sind, sowie für EU-Ausländer, die ihre Ausbildung in Tschechien gemacht haben, und ebenfalls der Arbeit wegen in ein anderes Mitgliedsland gegangen sind."

Ein wichtiger Punkt bei dem Projekt ist, dass die Eigenstaatlichkeit der einzelnen Mitgliedsländer gewahrt bleibt, das heißt: Jedes Land verfügt weiterhin über sein eigenes Curriculum, also sein eigenes Ausbildungkonzept für den jeweiligen medizinischen Beruf. Die Vorgaben der Europäischen Union beziehungsweise das Europäische Recht dienen dabei lediglich als kleinster gemeinsamer Nenner und sollen einen Mindeststandard an Qualität gewährleisten. Ärzte und Krankenschwestern, die diese festgelegten Kriterien erfüllen, können in ein anderes EU-Mitgliedsland emigrieren, um dort ihren - europaweit anerkannten - Beruf auszuüben.

In der Europäischen Union gibt es eine Reihe von Twinning-Programmen, die alle nach demselben Prinzip funktionieren: Das englische Wort "twinning" heißt so viel wie "Zusammenarbeit zwischen Zwillingen". Im übertragenen Sinne bedeutet dies also, dass jeweils ein, maximal zwei alte Mitgliedsländer mit einem neuen Mitgliedsland zusammenarbeiten und gemeinsam versuchen, ein konkretes Problem zu lösen. Dabei stehe, betont Otmar Kloiber vom Weltärztebund ein wesentlicher Gedanke im Mittelpunkt dieser Zusammenarbeit:

"Es geht nicht darum, dass die alten Länder den neuen Ländern einfach ein System überstülpen, sondern es geht darum, dass jedes einzelne der neuen Länder seine Identität in die Europäische Union einbringen kann."

Es gehe also, so Kloiber, nicht darum, dass Tschechien beispielsweise das britische Gesundheitswesen kopiere, sondern dass es einen eigenen Beitrag in die EU einbringe, aber dabei auch die eigene Identität bewahre. Gerade im Gesundheitsbereich sei eine europaweite Zusammenarbeit und Vernetzung notwendig, denn:

"Ich könnte zunächst einmal formal-juristisch argumentieren und sagen, die Europäischen Verträge haben die Gesundheitswesen und die Sozialsysteme ausgeklammert, die sind einfach nicht Teil der Europäischen Union, das muss man sich immer wieder vor Augen führen. Die Europäische Union hat kein Recht, weil dies ausdrücklich ausgschlossen ist, die Struktur, die Qualität der Gesundheitswesen den Mitgliedsländern vorzuschreiben."

Sehr wohl aber werden Standards und Normen festgelegt und laufend kontrolliert und adaptiert - und das bereits seit 1975. Vor allem bei der Qualität der Ausbildung und der Ausübung einer medizinischen Tätigkeit ist dies besonders wichtig. Daher wurden im Zuge des Twinning-Projekts neben der gegenseitigen Anerkennung von Diplomen noch zwei weitere Aktivitäten gesetzt. Zum ersten gehört dazu ein Register von bisher 25.000 qualifizierten Krankenschwestern und Geburtshelfern, das ab dem kommenden auch für Patienten zugänglich gemacht werden soll. Und auch die zweite Aktivität betrifft die Krankenschwestern, wie Ivanka Kohoutova, Projektverantwortliche im tschechischen Gesundheitsministerium, erläutert:

"Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entwicklung eines Ausbildungsprogrammes für Krankenschwestern und Geburtshelferinnen, weil bis zum Jahr 2000 nicht eine einzige Schwester in der Tschechischen Republik gemäß den Anforderungen der Europäischen Union ausgebildet war."

Mit der Ausbildung der tschechischen Ärztinnen und Ärzte, zeigt sich Otmar Kloiber, allerdings sehr zufrieden:

"Die tschechische Ausbildung, und ich kann das hier persönlich nur für die Ärzte beurteilen, ist absolut vergleichbar mit dem Rest der Europäischen Union, das heißt, hier wird eine sehr gute Ausbildung gegeben und die Anerkennung der tschechischen Kollegen ist überhaupt kein Problem in den anderen Ländern."

Generell also ist die Qualität der Ausbildung im medizinischen Bereich in der Tschechischen Republik auf europäischem Niveau. Ein großes Problem gibt es allerdings im Gesundheitswesen, das, wie in so manchen anderen EU-Mitgliedsländern auch, in tiefster finanzieller Not steckt. Die Einkommenssituation der Ärzte und Krankenschwestern ist alles andere als rosig, wodurch wiederum die Arbeitsmigration indirekt gefördert wird. Hier aber, so Otmar Kloiber, sei ganz eindeutig die Regierung aufgefordert, etwas zu unternehmen:

"Die Krankenhäuser und Kliniken sind massiv verbessert worden und jetzt kommt es darauf an, dass man auch für die Ärzte und Krankenschwestern in der Tschechischen Republik eine Perspektive schafft, sodass sie sagen: "Ich wohne hier, ich will hier bleiben, das ist mein Land und ich möchte hier aber auch ein vernünftiges Auskommen haben." Davon ist man hier noch sehr weit entfernt, die Bezahlung der Ärzte ist sehr, sehr minimal und ungerecht und das muss ganz schnell geändert werden. Tut die Regierung das nicht, hat sie ein ganz ernstes Problem."



Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:

www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union
www.euroskop.cz
www.evropska-unie.cz/eng/
www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors online
www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt

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