Tschechien in Europa Kampf dem blauen Dunst: Die EU fährt scharfe Geschütze gegen das Rauchen auf
"Ohne Rauch geht's auch!" - Die Zeiten, in denen noch mit Augenzwinkern auf das Ausdämpfen des Glimmstengels hingewiesen worden ist, sind nun endgültig vorbei. Vielmehr macht die EU gegen das Rauchen mobil: Rauchverbote in öffentlichen Räumen, ein europaweites Werbeverbot für Tabakwaren und die Einstellung der Argrarsubventionen für den Tabakanbau sind nur einige der geplanten Maßnahmen, die nicht nur Raucher, sondern auch etliche Wirtschaftszweige betreffen. Über den Kampf gegen den blauen Dunst in den einzelnen EU-Ländern und insbesondere in Tschechien berichtet Sandra Dudek:
Mehr als 3.800 chemische Bestandteile enthält eine einzige Zigarette.
Darüber informiert die Tabakindustrie neuerdings in ganzseitigen
Zeitungsinseraten und schützt sich damit elegant vor weiteren
Millionenklagen. In der Hochglanzwerbung aber vermittelt sie weiterhin das
Image von Freiheit, Unabhängigkeit und Coolness, das quasi per Lungenzug
erworben werden kann. Damit soll nun bald Schluss sein: Die Einführung
eines europaweiten Werbeverbots für Tabakwaren ist nur eine von vielen
Maßnahmen, die die EU im Kampf gegen das Rauchen ergriffen hat. Und dafür,
so Beate Gminder, Pressesprecherin des EU-Gesundheitskommissars David
Byrne, gibt es auch einen einfachen Grund:
"Rauchen tötet. Schlicht und ergreifend. Alle schädlichen Substanzen, die Sie zu sich nehmen, können Auswirkungen auf die Gesundheit haben, aber Tabak und Nikotin bringen einfach jemanden um. Und Herr Byrne spricht sich ganz deutlich dagegen aus, dass wir Tabak verharmlosen, dass wir denken, Rauchen ist cool. Nein, Rauchen ist nicht cool. Rauchen kann in ganz schlimmen Krankheiten enden, in einem qualvollen Tod und deswegen möchte er rechtzeitig vor allem junge Menschen davor warnen."
Jeder siebte EU-Bürger stirbt an den Folgen des Tabakkonsums, jährlich
sind das in Europa rund 650.000 Menschen. Noch drastischer sieht die
Statistik in den zehn neuen EU-Ländern aus: Hier ist jeder fünfte
Todesfall auf das Rauchen zurückzuführen, knapp die Hälfte der Raucher
sterben an Lungenkrebs. Zur Situation in Tschechien äußert sich Jarmila
Vedralová von der Abteilung Gesundheitsvorsorge im Gesundheitsministerium:
"In der Tschechischen Republik sterben jährlich rund 20.000 Menschen an einer Krankheit, die durch das Tabakrauchen oder die Tabaksucht verursacht worden ist. Ein Rückgang wird bei jenen, die über 30 Jahre alt sind, verzeichnet. Im Gegensatz dazu kann ein hoher bis alarmierender Zuwachs der Zahl an Rauchern bei Kindern und Jugendlichen, insbesondere bei Mädchen, festgestellt werden."
Obwohl der Tabakkonsum in Tschechien in den letzten zehn Jahren zurückgegangen ist, wird hier immer noch wesentlich mehr gequalmt als in den meisten EU-Ländern. Dafür sind laut Jarmila Vedralová vom tschechischen Gesundheitsministerium verschiedene Faktoren verantwortlich:
"Ein Grund kann der sehr niedrige Preis von Tabakprodukten, von
Zigaretten sein. Wenn wir uns die Preise von Tabakprodukten in den Ländern
der Europäischen Union ansehen, dann sind sie einfach um ein Vielfaches
höher. Weiters muss man sagen, dass hier die gesellschaftliche Toleranz
gegenüber dem Konsum von Tabakwaren höher ist und dass nach wie vor wenig
darauf aufmerksam gemacht wird, welche Auswirkungen der Tabakkonsum hat,
welche Probleme er verursacht."
Durchschnittlich 42 Kronen kostet eine Schachtel Zigaretten in der Tschechischen Republik. Das sind nicht einmal eineinhalb Euro. Nur in Polen, der Slowakei und den baltischen Staaten wird dieser Preis noch unterboten. In der Gesetzesnovelle über Verbrauchssteuern hat nun die tschechische Regierung die Erhöhung der Tabaksteuer festgelegt: Bis zum Jahr 2007 wird der Preis für Zigaretten stufenweise um 50 Prozent angehoben. Damit folgt also auch Tschechien dem europaweiten Trend: Eine restriktive Preispolitik ist die effizienteste Anti-Raucher-Politik, wie das Beispiel Frankreich zeigt. Nach der Preiserhöhung im letzten Jahr kostet im Land von Gauloises und Gitanes eine Packung Zigaretten fünf Euro. Dadurch konnte der Tabakkonsum um 13 Prozent gesenkt und 80.000 Leben gerettet werden, meinen Experten.
Abgesehen von der eher geringen Preiserhöhung, ist die Toleranz gegenüber
Rauchern in der Tschechischen Republik - zumindest derzeit noch - hoch.
Während hierzulande die Raucher noch in aller Ruhe die warmen
Gasthausstuben vollqualmen können, müssen sie beispielsweise in Irland
bereits auf der Straße frieren. Dort nämlich wurde Ende März die bisher
schärfste Regelung in der EU eingeführt: In allen öffentlichen
Einrichtungen, Pubs und Restaurants sowie am Arbeitsplatz herrscht
strengstes Rauchverbot. Bei Missachtung drohen Strafen bis zu 3000 Euro.
Einige Länder, wie zum Beispiel die Niederlande, Schweden oder Österreich
sind dem Beispiel Irlands bereits gefolgt und haben mehr oder weniger
strenge Antiraucherbestimmungen erlassen. Aber auch die Raucher in
Tschechien können sich nicht mehr lange in Sicherheit wiegen: Das
Gesundheitsministerium hat einen Gesetzesantrag zur Prävention und zum
Schutz vor gesundheitlichen Schäden durch Tabakprodukte, Alkohol und
Suchtmitteln ausgearbeitet, der derzeit im Parlament behandelt wird, meint
Jarmila Vedralová vom Gesundheitsministerium:
"In diesem Gesetzesantrag ist die deutliche Zugangsbeschränkung
zu
Tabakprodukten enthalten sowie auch eine deutliche Reduzierung der
Bereiche, wo man noch rauchen kann."
Neben diesem Gesetzesantrag gibt es in Tschechien bereits zwei weitere Maßnahmen, die vor allem auf die Prävention des Tabakkonsums abzielen, wie Jarmila Vedralova erläutert:
"Es wurde durch die Regierung das Programm "Zdraví 21 beschlossen", das ein langfristiges Programm zur Verbesserung des Gesundheitszustandes der tschechischen Bevölkerung im 21. Jahrhundert ist. Dazu gehört auch die Senkung der Raucherzahl und mehr Prävention vor Tabakmissbrauch. Eine weitere Maßnahme ist auch die Einrichtung eines Nationalfonds, in den ein prozentueller Anteil der Tabaksteuer einbezahlt werden soll. Das Geld soll dann für die Heilung von Krankheiten, die durch den Tabakkonsum hervorgerufen wurden, oder zur Prävention des Zigarettenkonsums verwendet werden."
Angesichts der europaweiten Anti-Raucher-Politik ist es aber paradox, dass Tabak nach wie vor die am höchsten subventionierte Nutzpflanze ist: Mit jährlich einer Milliarde Euro unterstützt die Europäische Union den Tabakanbau. Darauf angesprochen meint Beate Gminder von der EU-Generaldirektion Gesundheit:
"Ja, damit werden wir immer wieder konfrontiert und sicher ist
es in
der Öffentlichkeit ein Widerspruch. Es ist so, dass unsere gemeinsame
Agrarpolitik Bauern unterstützt in Europa, weil sie sonst nicht
wettbewerbsfähig wären. Wir haben allerdings schon als Kommission sehr
lange vorgeschlagen, nicht mehr gezielt Tabakanbau zu fördern. Es war
schwierig, dies dem Europäischen Parlament und den Regierungen der
Nationalstaaten zu verkaufen. Es ist jetzt allerdings akzeptiert worden
und ab 2006 wird Tabakanbau als solcher nicht mehr in der EU
gefördert."
Aber nicht nur die Tabakbauern, auch andere Wirtschaftszweige, wie zum Beispiel die Werbung, werden sich neue Betätigungsfelder suchen müssen. In einigen Jahren werden weder Printmedien noch Plakate oder die Kinoleinwand Imageträger für Tabakprodukte mehr sein. Europaweit. Parallel dazu arbeitet die EU seit 2002 intensiv am neuen Image der Nichtraucher: Eine mit 72 Millionen Euro dotierte Medienkampagne soll vor allem junge Menschen davon abhalten, erst mit dem Rauchen anzufangen, so Beate Gminder:
"Die Kampagne gibt es schon seit 2002, die wurde jetzt neu aufgelegt, aber wir haben seit 2002 ganz intensiv vor allem uns an junge Menschen gerichtet, die Zielgruppe war zwischen 10 und 15jährigen, wir waren sehr viel an Schulen, wir waren auf Popfestivals und wir haben Sportstars dafür gewonnen, nein zu sagen. Diese Kampagne lief in ganz Europa, auch viel auf MTV und sie hatte den Slogan "Feel free to say no"."
Damit kehrt sich nun also das jahrzehntelang durch den berühmten "Marlboro-Man" vermittelte Image wieder um: Von der einstigen Freiheit durch Rauchen zur neuen Freiheit durch Nichtrauchen.
Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den
Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:
www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für
europäische
Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union
www.euroskop.cz
www.evropska-unie.cz/eng/
www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU
Actors
online
www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt






