Tschechien in Europa Ein gewichtiges Problem: Fettsucht besonders in Tschechien dramatisch im Zunehmen
Der Christbaum ist entsorgt, der Weihnachtsschmuck verräumt und die Keksdose leer. Was von den vergangenen Weihnachtsfeiertagen übrig bleibt, sind oft schöne Erinnerungen - und meist ein paar Kilo zu viel. Rund 30 Prozent der EU-Bürger haben wesentlich mehr als nur ein paar Kilo zu viel: Sie leiden unter Fettsucht, Tendenz steigend. Unter anderem fällt Tschechien bei der Statistik besonders ins Gewicht. Sandra Dudek hat sich über Ausmaß und Ursache von Übergewicht und Fettsucht in den einzelnen EU-Ländern informiert und berichtet, wie die Europäische Kommission am Konzept einer gesamteuropäischen Abmagerungskur arbeitet:
Passend zur nachweihnachtlichen Besinnung auf die Beseitigung der Folgen
übermäßiger Völlerei liefern uns derzeit in Tschechien affichierte
Werbeplakate des Rätsels Lösung: Allein schon die Lektüre einer neuen
Zeitschrift mit dem schlichten Titel "Dieta" - zu Deutsch:
"Diät" - soll uns gleich um zwei Kilo leichter machen.
"Dieta" ist, so die Selbstdefinition, "keine Zeitschrift
über das Hungern und die Plackerei in Kraftkammern, sondern ein witziger
Führer und gleichzeitig eine Freundin, auf die man sich immer verlassen
kann". Dass es aber bei weitem einfacher ist, sich einen Speckgürtel
anzulegen, als ihn loszuwerden, kennen wohl die meisten aus eigener
Erfahrung: Laut einer vom deutschen Marktforschungsinstitut GfK für das
Wall Street Journal Europe durchgeführten Studie scheitern an diesem
Vorhaben rund zwei von drei Europäern. In der Tschechischen Republik ist
der Anteil der Frauen, deren Diät nicht erfolgreich war oder die sie
abgebrochen haben, EU-weit am höchsten. Gleichzeitig gehört die
Tschechische Republik auch zu jenen EU-Ländern, in denen viele Einwohner
vom Idealgewicht nur träumen können. Dazu Marie Kunesova, Vorsitzende der
tschechischen Gesellschaft für Adipositas:
"Im Vergleich zu den europäischen Ländern ist die Fettsucht bei Erwachsenen bei uns verhältnismäßig häufig. Wir befinden uns da unter den ersten Plätzen in Europa. Das Vorkommen von Fettsucht liegt zur Zeit um die 20 bis 25 Prozent, d.h. dass ein Fünftel bis ein Viertel der tschechischen Bevölkerung fettleibig ist. Ein häufigeres Vorkommen von Fettsucht sehen wir bei den Frauen."
Foto: CTK
Die Fettsucht oder Fettleibigkeit, in der Medizin mit dem klingenden Namen
Adipositas bezeichnet, meint allerdings schon ein fortgeschrittenes Stadium
einer zu großen körperlichen Fülle. Davor spricht man von Übergewicht und
unter diesem leidet rund jeder zweite tschechische Mann und jede dritte
tschechische Frau. In Summe haben also mehr als zwei Drittel der
tschechischen Bevölkerung ein kleineres oder größeres Gewichtsproblem und
liegen damit mit Finnland und einigen südlichen Ländern wie Griechenland,
Zypern oder Malta EU-weit vorne.
Um diese vergleichbaren Daten zu erhalten, wird eine international
anerkannten Maßeinheit, der so genannte Body-Mass-Index verwendet. Der
Body-Mass-Index gibt die Menge des überflüssigen Körperfetts an und lässt
sich wie folgt errechnen: Das Körpergewicht in Kilogramm wird durch die
Körpergröße in Meter zum Quadrat dividiert. Anhand des Ergebnisses lässt
sich dann feststellen, ob man normal-, übergewichtig oder fettleibig ist,
wie Marie Kunesova erläutert:
"Bei Normalgewicht beträgt der Body Mass Index 18 bis 25, bei Übergewicht 25 bis 30 und von Fettsucht sprechen wir, wenn der Body Mass Index über 30 liegt. Die Fettsucht unterteilen wir weiters in Fettsucht des ersten, zweiten und dritten Grades und die schwerste Form, die so genannte morbide Fettsucht hat einen Body-Mass-Index von über 40."
Die Grenzwerte des Body-Mass-Index richten sich in erster Linie nach dem
Geschlecht. Außerdem sind sie beispielsweise bei besonders sportlichen
Menschen aufgrund ihrer größeren Muskelmasse höher. Hier kann dann
natürlich nicht von Übergewicht oder gar Fettsucht gesprochen werden.
Insgesamt gesehen ist die Fettsucht seit einem Vierteljahrhundert ein stark zunehmendes Problem, das nicht nur die Gesundheit des Einzelnen, sondern auch die staatlichen Gesundheitssysteme immens belastet: Nach einer Schätzung der Europäischen Kommission werden rund sieben Prozent der gesamten Gesundheitsversorgungskosten für die Behandlung von Krankheiten aufgebracht, die durch die Fettsucht ausgelöst oder begünstigt werden. Dazu gehören insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-II-Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfall und bestimmte Krebsarten. Außerdem würde laut einer in den USA durchgeführten Studie die Lebenszeit verkürzt werden, meint Marie Kunesova von der tschechischen Gesellschaft für Adipositas: 40jährige fettsüchtige Frauen hätten demnach eine um sieben Jahre kürzere Lebenserwartung, bei gleichaltrigen Männern seien es nicht ganz sechs Jahre. Das wahre Ausmaß des Problems von Übergewicht und Fettsucht wird allerdings in ein paar Jahren sichtbar sein, dann nämlich, wenn die heutigen süßen Kleinen mit dem so gesunden Appetit morgen unförmige Erwachsene sein werden, die ihr Gewicht nicht mehr kontrollieren können. Denn schon jetzt sei in weiten Teilen Europas jedes vierte Kind übergewichtig, meint Neville Rigby von der "Europäischen Vereinigung für Adipositas-Studien" und äußert sich besorgt über die weitere Entwicklung:
"In letzter Zeit haben wir uns mehr mit Kindern beschäftigt und
gesehen, dass Übergewicht und Fettleibigkeit bei ihnen sogar noch viel
mehr zugenommen haben als bei Erwachsenen, und dass dieses Problem in
vielen europäischen Ländern auftaucht. Heute gibt es Kinder mit Typ
II-Diabetes. Das ist in Europa in der Vergangenheit noch nie vorgekommen,
weil es sich um eine Alterskrankheit handelt. Wir müssen dieses Problem
also so schnell wie möglich in Angriff nehmen, weil die Fettleibigkeit von
Kindern ein Symptom dafür ist, wie dramatisch sich die Gesellschaft
ändert."
Die "Europäische Vereinigung für Adipositas-Studien" gehört der "EU-Plattform für Diät, körperliche Bewegung und Gesundheit" an und hat als eine der führenden Organisationen an dem im Dezember veröffentlichten Grünbuch zur Förderung gesunder Ernährung und körperlicher Bewegung mitgearbeitet. Mit diesem Grünbuch leitet die Europäische Kommission ein ausführliches öffentliches Konsultationsverfahren ein, an dem sich EU-Institutionen, Mitgliedsstaaten sowie die Bürgerinnen und Bürger mit ihren Vorschlägen gleichermaßen beteiligen sollen. Um das Problem Übergewicht und Fettsucht in den Griff zu bekommen, müssen, so Neville Rigby, die unterschiedlichsten Wirtschafts- und Industriezweige einen entsprechenden Beitrag leisten:
"Ein konkretes Ziel, das wir mit der Plattform versuchen zu erreichen, ist, dass die Nahrungsmittelindustrie, die Soft-Drink-Hersteller, die Fast-Food-Industrie und die Werbebranche konstruktiv zur Problemlösung beitragen. Wir müssen das Marketing, das sich an Kinder richtet, reduzieren, der Konsum von besonders fett- und zuckerhaltigen Produkten muss eingeschränkt werden, wir müssen verstärkt den Konsum von Obst und Gemüse bewerben. Das sind Standardempfehlungen, die es schon lange Zeit gibt, aber nun suchen wir nach Wegen, wie das praktisch funktionieren könnte."
Bis Mitte März läuft noch das Konsultationsverfahren. Im Juni soll dann
ein Bericht mit einer Zusammenfassung der Beiträge im Internet
veröffentlicht werden, aufgrund dessen ein Maßnahmenpaket beschlossen und
ein entsprechendes Budget festgesetzt werden soll. Auch die tschechische
Gesellschaft für Adipositas habe an dem Grünbuch der Europäischen
Kommission mitgearbeitet, so die Vorsitzende Marie Kunesova. Außerdem ist
die tschechische Gesellschaft für Adipositas besonders im eigenen Lande
aktiv: Auf ihre Initiative entstand der Nationale Rat für Fettsucht, ein
Gremium, an dem auch das tschechische Gesundheitsministerium beteiligt
ist, und das sich insbesondere um die Prävention bemüht. Denn, so meint
Marie Kunesova, Vorsitzende der tschechischen Gesellschaft für Adipositas:
"Natürlich ist es wichtig, dass die richtige Behandlung den Patienten gewährleistet wird, die bereits übergewichtig oder fettleibig sind. Und hier sehe ich eine wichtige Funktion der Tschechischen Gesellschaft für Adipositas, die für die Fachärzte spezielle Weiterbildungskurse anbietet, aber eben auch praktische Ärzte schult. Denn besonders praktische Ärzte können viel für die Prävention von Übergewicht und Fettleibigkeit tun, wenn sie dies bei ihren Patienten feststellen, die aus anderen Gründen zu ihnen gekommen sind."
Wichtig jedenfalls sei, so Kunesova, rechtzeitig entsprechende Vorsorgemaßnahmen zu treffen: Dazu gehören in erster Linie ausreichende körperliche Bewegung und ein wohlüberlegter Speiseplan. Wenn man außerdem ohne Aufwand noch zusätzliche zwei Kilo abnehmen möchte, kann man es dann immer noch mit der Lektüre einer Zeitschrift versuchen.
Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den
Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:
www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische
Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union
www.euroskop.cz
www.evropska-unie.cz/eng/
www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors
online
www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt





