Tschechien in Europa Die Tschechen stehen den Lausitzer Sorben am nächsten
Im südöstlichen Sachsen, nahe der Grenze zu Tschechien und Polen, lebt eine der vier nationalen Minderheiten Deutschlands: die Lausitzer Sorben. Jahrhunderte lang hatten sie ein enges Verhältnis zu Böhmen, und diese Partnerschaft half ihnen, ihre Kultur und Identität zu bewahren. Heute ist das nicht anders, wie Jakub Siska im folgenden Beitrag berichtet.
Lausitzer Sorben
Die Sorben, manchmal auch Wenden genannt, und die Tschechen sind
Nachfolger
der alten slawischen Stämme, die vor mehr als 1000 Jahren Mitteleuropa
bewohnten. Sie waren damals auch verwandtschaftlich verbunden: Die Mutter
des heiligen Wenzels, des tschechischen Nationalen Hauptpatrons aus den
10. Jahrhundert, gehörte zu einem slawischen Stamm aus der Nähe von
Berlin. Kein Wunder, dass die böhmischen Könige mit dem deutschen Reich um
das Lausitzer Gebiet kämpften: zur Zeit der Luxemburger wurde Lausitz
sogar
ein Bestandteil des böhmischen Königreichs, erklärt Josef Lebeda von dem
Freundeskreis Lausitz:
"Johann von Luxemburg nahm Bautzen 1320 ein. Damit stand ein bedeutender Teil der Lausitz unter seiner Herrschaft. Sein Sohn Kaiser Karl IV. ordnete den deutschen Kurfürsten an, die slawische Sprache ihrer Hörigen zu lernen und auch ihre Kinder in diesem Sinne zu erziehen. Diese Verhältnisse dauerten bis 1635, wann die Habsburger die Lausitz an das protestantische Sachsen abtraten. Sie behielten sich aber vor, dass das Gebiet westlich von Bautzen katholisch bleiben sollte und die dortigen Gemeinden von nun an dem Kloster Marienstern zugehören sollten. Diese Katholiken blieben dem Prager Erzbischof untergeordnet."
Die Sorben hinterließen auch später in der tschechischen Geschichte ihre Spuren. So z.B. der Bildhauer Macij Wjaclaw Jakula, dessen Werke man auf der Prager Karlsbrücke bewundern kann, oder Hofdichter von Rudolf II., Jan Bok. 1704 gründeten die Lausitzer Brüder Simanec eine Stiftung und bald danach auch einen Wohnheim mit Bibliothek für die Lausitzer Studenten in Prag. So entstand das bekannte Lausitzer Seminar.
Lausitzer Seminar (Foto: Patrick-Emil Zörner)
"Der Zweck des Seminars war, in jedem Jahr 12 armen Lausitzer
Jungen
das Studium der Theologie zu ermöglichen. Die Absolventen kehrten nach der
Priesterweihe in ihre Heimat zurück und predigten dort in ihrer
Muttersprache. Der Grossteil der sorbischen Intellektuellen im 18.und 19.
Jahrhundert studierte am Lausitzer Seminar. Sie arbeiteten dort oft mit
den tschechischen nationalen Erweckern zusammen. Das Seminar finanzierte
sich jedoch ausschließlich aus sorbischen Mitteln. Die Tschechen gaben
zwar ihre moralische Unterstützung, dass ein Tscheche jedoch einen
bedeutenden Beitrag leistete, davon ist nichts bekannt."
Das Seminar bestand bis 1922. Damals wurde das Bistum im Lausitzer Meissen neu gegründet und der dortige Bischof Schreiber entschloss sich, mit dem "slawischen Winkelzügen" Schluss machen. Die tschechoslowakische Regierung verpflichtete sich danach, jährlich ein paar Stipendien an sorbische Studenten an Prager Universität zu vergeben. Sie hielt diese Zusage bis 1938. Zu den großen Freunden von Lausitzer Sorben gehörte auch der tschechoslowakische Präsident Tomas Garrigue Masaryk. Als nach dem Ersten Weltkrieg Europa neu aufgebaut wurde, lag ihm das Schicksal der kleinsten slawischen Nation sehr am Herz. Wieder Josef Lebeda:
"Tomas Garrigue Masaryk empfahl in seinem für die Versailler Konferenz geschriebenen Werk ´Neues Europa´, die Lausitz entweder der Tschechoslowakei anzuschließen, oder einen neuen selbstständigen Staat zu schaffen. Dieser Staat wäre ähnlich groß wie Luxemburg. Masaryk gab dieses Werk in vielen Sprachen einschließlich Sorbisch heraus. In der sorbischen Version ließ er aber die Erwähnung aus, dass der Gerechtigkeit wird wahrscheinlich nicht Genüge getan würde, da Deutschland wohl keinen neu gegründeten Kleinstaat in Schussnähe von Berlin akzeptieren würde."
Tomas Garrigue Masaryk
Über die Vereinigung der Lausitz mit der Tschechoslowakei wurde auf der
Versailler Konferenz ernsthaft gesprochen. Diesen Vorschlag machte als
"Lausitzer Memorandum" Adolf Cerny, Professor der sorbischen
Sprache an Prager Universität. Er argumentierte, dass die kleine slawische
Minderheit innerhalb des deutschen Meeres der dauerhaften Germanisierung
standhalten muss und dass der befreundete slawische Staat ihre Identität
am besten gewährleisten könne. Dagegen sprach sich vor allem
Großbritannien mit dem Argument aus, dass die Sorben keine fremden
Legionen während des Krieges geschaffen und nicht für ihre nationalen
Rechte gekämpft hätten. Diese Behauptung war aber laut Josef Lebeda nicht
ganz richtig:
"Die Lage der Lausitzer Sorben war dem Westen bekannt. Sie mussten - ähnlich wie Tschechen und Slowaken - für Deutschland, also für einen ungeliebten, sogar feindlichen Staat kämpfen. Es waren aber sehr wenige und sie waren noch dazu in der Armee weit verstreut, sodass sie keine Chance hatten, sich für eine Revolte zu organisieren. Dass musste z.B. Professor Jobson aus Oxford Universität wissen, denn er betreute die Korrespondenz der in Britannien gefangenen sorbischen Soldaten."
Symbol der Lausitzer Sorben
Die Tschechoslowakei war nach dem Krieg in einer schwierigen Lage und
musste sogar ihre Grenzen mit Waffen verteidigen. Daher verzichtete sie
auf den Anschluss der Lausitz. Die Kontakte zwischen Sorben und Tschechen
setzten aber fort. Präsident Masaryk unterstützte sorbische Aktivitäten
auch in den 20er Jahren. Zwei offizielle Besuche führten ihn in die
Lausitz. Der Tschechoslowakische Rundfunk sendete regelmäßig auch auf
Sorbisch. An der Prager Universität entstand ein Lehrstuhl für die
sorbische Sprache, deren Leiter Prof. Pata 1942 von den Nazis hingerichtet
wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das sorbische Leben vor
allem in Nordböhmen, das an die sächsische Lausitz grenzt. Es kamen viele
Sorben aus Deutschland und in 3 Städten wurden sogar sorbischen Gymnasien
gegründet. Mit dem Aufstieg der Kommunisten ging aber alles zu Grunde, nur
der Freundeskreis Lausitz durfte in beschränktem Maße weiterarbeiten.
Dieser knüpft seit der Wende 1989 wieder an die reiche Geschichte an. So
gibt er z.B. den Tschechisch-Lausitzer Anzeiger wieder regelmäßig heraus,
erläutert Lebeda:
Sorbisches Gymnasium (1946-1949) in Warnsdorf (Foto: www.luzicke- hory.cz)
"Dieser Anzeiger mit einer Auflage von 400 Exemplaren bringt
jeden
Monat Nachrichten, Gespräche, und Artikel zur Lausitzer Thematik. Zu
seinen Aufgaben gehört auch die Präsentation von sorbischen Poesie,
Hinweise auf neue sorbische Literatur und ein- oder zweimal jährlich auch
eine literarische Beilage. Die meisten Beiträge sind tschechisch, einige
aber auch sorbisch mit tschechischer Übersetzung oder Zusammenfassung.
Unser Anzeiger ist die einzige periodische Druckschrift ihrer Art, die
außerhalb der Lausitz erscheint. Darüber hinaus engagieren wir uns
beispielsweise im Kampf für die Erhaltung der Teiche, die durch die
Erweiterung des Bergbaus bedroht sind. Als unsere Pflicht sehen wir
natürlich auch die Proteste gegen die Schließung der sorbischen Schulen.
Und vor kurzem haben wir auch das Denkmal von Jurij Vicaz aufgebaut.
Dieser bedeutender Lausitzer Journalist und Schriftsteller war während des
zweiten Weltkriegs Korrespondent der tschechoslowakischen
Nachrichtenagentur in Palästina und ist heute leider ganz vergessen. Wir
haben ihm also 20 Jahre nach seinem Tod am Prager Friedhof Olsany ein
Grabmahl errichtet."
In Prag befindet sich auch die einzigartige durch den sorbischen Nationalerwecker Michael Hornik gegründete Bibliothek. Sie wurde aber 2002 von dem Hochwasser beschädigt und einige Bücher wurden ganz zerstört. Nun ist die Bibliothek teilweise im Gebäude der katholischen theologischen Fakultät und teilweise im Nationalmuseum beherbergt. Der Freundeskreis Lausitz bemüht sich schon jahrelang, alle Werke im ehemaligen Lausitzer Seminar zu sammeln und dort ein ständiges Lausitzer Kulturzentrum zu errichten - bisher jedoch leider ohne Erfolg.
Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den
Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische
Union:
www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für
europäische
Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union
www.euroskop.cz
www.evropska-unie.cz/eng/
www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU
Actors
online
www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt





