Buch.cz Daschenka oder Das Leben eines jungen Hundes: Karel Čapeks Fingerübung

04-11-2010 14:05 | Gerald Schubert, Patrick Gschwend

Ohne Zweifel ist er einer der bekanntesten tschechischen Schriftsteller überhaupt: Karel Čapek. In unserer Sendereihe Buch.cz haben wir bereits eines seiner Werke vorgestellt, und zwar „Das Absolutum oder die Gottesfabrik“. Heute widmen wir uns demselben Autor, aber einem in fast jeder Hinsicht völlig anderem Buch. Es heißt „Daschenka oder Das Leben eines jungen Hundes“. Gerald Schubert hat es gelesen.

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Gerald, vielleicht kannst du eingangs ein paar Worte über den Autor sagen.

„Karel Čapek wurde 1890 geboren. Am 25. Dezember 1938, also knapp drei Monate nach dem Münchner Abkommen und knapp drei Monate vor der Besetzung der so genannten Rest-Tschechei durch Hitlerdeutschland, ist er in Prag gestorben. Er hat die tschechische Literatur der Zwischenkriegszeit geprägt, die Zeit der ersten Tschechoslowakischen Republik. Unter anderem war er mit Präsident Tomáš Garrigue Masaryk eng befreundet, und er war einer seiner Berater. In seinen Romanen und Theaterstücken hat Čapek immer wieder philosophische Ansätze verfolgt. Im Roman ‚Das Absolutum oder die Gottesfabrik’, über den wir an dieser Stelle ja schon einmal gesprochen haben, spielt etwa das Konzept des Pantheismus eine entscheidende Rolle. Und immer wieder geht es um die Entfesselung der Produkte menschlicher Schaffenskraft, denen der Mensch selbst letztlich nicht mehr Herr wird. Das Zauberlehrling-Motiv also, oder wenn man will das Golem-Motiv.“

Karel ČapekKarel Čapek Das gilt ja auch für die Roboter – ein Wort, das übrigens in Čapeks Theaterstück R.U.R. zum ersten Mal vorkommt. Gilt es auch für Daschenka?

„Ganz und gar nicht. Oder höchstens insoweit, als dass man auch den Launen Daschenkas nicht immer Herr wird. Daschenka ist nämlich keine Ausgeburt des Menschen, sondern einfach nur ein junger Foxterrier. Das besondere an dem Buch ist, dass es gewissermaßen als literarische Fingerübung des Autors daherkommt. Offenbar hatte Čapek riesige Freude daran, seiner Daschenka beim Heranwachsen zuzusehen, beim Spielen, Schlafen, Fressen, Trinken und Herumtollen. All das beschreibt er mit der Stilsicherheit eines anerkannten Autors auf der Höhe seiner Zeit. Das Buch vermittelt in jedem Moment die Gewissheit, dass Čapek weder sich selbst noch anderen irgendetwas beweisen will, sondern dass es ihm einfach ungeheuren Spaß macht, einmal nicht über Gottesfabriken zu schreiben, über aufständische Roboter oder über Molche, die nach der Weltherrschaft greifen. Er schreibt einfach nur über das Leben eines jungen Hundes, mit liebevollem Blick, viel Sinn fürs Detail und einer ordentlichen Dosis Abstraktion und Selbstironie.“

Vor dem Essen und nach dem EssenVor dem Essen und nach dem Essen Wenn man das Buch ansieht, dann fallen als erstes die Hundezeichnungen auf, die über den ganzen Einband verteilt sind. Auch die stammen ja von Karel Čapek.

„Genau. Und ähnliche Zeichnungen findet man auch im Inneren des schmalen Bandes. Karel Čapeks Bruder Josef war ein Maler, der nebenbei auch geschrieben hat. Und Karel Čapek selbst war eben ein Schriftsteller, der nebenbei auch gemalt und gezeichnet hat. Seine Daschenka-Illustrationen begleiten den gesamten Text, auf jeder Seite finden sich diese kleinen Bildchen. Häufig sind es einfache, aus wenigen Strichen bestehende Bewegungsstudien, etwa Studien davon, wie Daschenka laufen oder sitzen lernt. Das verleiht dem Buch stellenweise fast Comics-Charakter.“

Wie man Flöhe fängtWie man Flöhe fängt In Tschechien ist Karel Čapek auch heute noch einer der wichtigsten Autoren, mit deutschen Übersetzungen sieht es aber in letzter Zeit nicht so rosig aus.

„Das ist leider richtig. Viele Werke Čapeks sind auf Deutsch vergriffen. Leider auch Daschenka. Im Internet findet man aber trotzdem immer wieder Angebote. Es handelt sich ja nicht um eine Rarität aus den Untiefen von staubigen Antiquariaten. Meine Ausgabe etwa ist von Kiepenheuer & Witsch, der Verlag hat das Buch noch im Jahr 2000 herausgebracht. Also vielleicht kann unsere Sendung sogar zu einer Neuauflage ermuntern.“

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