Begegnungen Tschechische Gebärden-Dolmetscher: die ganz normale stille Welt der Gehörlosen
Stellen Sie sich vor, dass Sie nichts hören - nicht nur eine Weile, sondern den ganzen Tag, das ganze Jahr oder vielleicht das ganze Leben lang. Was würde man selbst dabei empfinden? Ungewöhnliche Gefühle und wohl sicher auch Unsicherheit. In der heutigen Ausgabe der Begegnung will ich sie, liebe Hörerinnen und Hörer, in die Welt der Gehörlosen einladen – eine Begegnung mit einem stillen Reich.
Schweigen werden wir aber auf keinen Fall, im Gegenteil. Im Studio am
Mikrophon sind Mitglieder der Tschechischen Kammer der
Gebärden-Dolmetscher: Pavlína Mladová, Administratorin der
Bildungsprogramme für Dolmetscher und der Gebärden-Dolmetscher Jindřich
Mareš. Da muss ich sofort ergänzen: Dolmetscher der tschechischen
Gebärdensprache. Aber dazu kommen wir noch später. Zuerst, wie seid ihr
eigentlich dazu gekommen, gerade die Gebärdensprache zu lernen?
„Vor sechs, sieben Jahren habe ich begonnen, mich mit den Gehörlosen zu beschäftigen. Damals habe ich eine gute Freundin wieder getroffen, die auf einer Gehörlosen-Schule gearbeitet hatte. Sie hat mir über ihre Arbeit erzählt, auch über die Gebärdensprache, und das hat mich so sehr interessiert, dass ich mir dann selbst weitere Informationen gesucht habe. Mich haben immer Sachen interessiert, für die sich sonst fast niemand interessiert hat. Mich hat das Anderssein angezogen, man kann vielleicht sagen das Exotische. Jedenfalls hat mich das beeindruckt und das ist bis heute so“, antwortet Jindřich Mareš.
Die Gebärdensprache ist – zumindest scheint mir das so - auf keinen Fall eine leichte Sprache. Wie lange muss man üben, bis man sie beherrscht?
Jindřich Mareš
„Na, ich glaube, es ist das Gleiche wie bei allen anderen Sprachen. Ich
persönlich habe mir am Anfang gedacht, dass ich nur ein paar Zeichen lerne
und mich mit den Gehörlosen dann sofort verständigen kann. Aber das war
nicht der Fall. Als wir dann begannen, die Gebärdensprache samt der
Grammatik und mit allem drum und dran zu lernen, habe ich festgestellt,
dass es sehr schwer ist. Dass es für mich kompliziert ist, etwas mit
räumlichen Gesten auszudrücken. Damit man die Gebärdensprache wirklich
beherrscht, muss man täglich mit Gehörlosen zusammen sein. Und
trainieren… das ganze Leben lang“, sagt Pavlína Mladová.
Wenn man sich intensiv mit einer Fremdsprache beschäftigt, dann mischt sie sich in die eigene ein. Passiert das mit der Gebärdensprache auch? Dass man jemanden nicht anspricht, sondern dass ihm etwas „zeigt“? Sie arbeiten seit mehreren Jahren als Dolmetscher, Herr Mareš. Ist Ihnen das nie passiert?
„Wenn man lange Zeit nur mit Gehörlosen verbringt, dann können komische Situationen passieren. Zum Beispiel wenn ich esse und jemand mich anspricht. Da ich den Mund voll habe und nicht sprechen kann, schalte ich automatisch in die Gebärdensprache um und mache ihm ein Zeichen. Das passiert wirklich oft, dieses Umschalten.“
Zu Gast im Studio sind Mitglieder der Tschechischen Kammer der Dolmetscher der Gebärdensprache Pavlína Mladová und Jindřich Mareš. Sie beide sprechen Tschechisch und Gebärdensprache. Wenn Sie die beiden Sprachen vergleichen, ist die Gebärdensprache reicher an Ausdrucksmöglichkeiten? Was meinen Sie, Herr Mareš?
Pavlína Mladová
„In vielen Hinsichten ist die Gebärdensprache reicher, obwohl sich das
so einfach auch nicht sagen lässt. Man kann mit der Gebärdensprache in
kurzer Zeit Informationen wesentlich genauer ausdrücken. Zum Beispiel wenn
jemand über einen Film fünf Minuten erzählt, dann erfährt der Zuhörer,
wer sich dort mit wem gestritten hat, wie es ausgegangen ist – also den
Verlauf der Handlung. Aber wenn der Gehörlose den gleichen Inhalt in der
Gebärdensprache erzählt, dann erfährt der Zuschauer alles detaillierter.
Er wird in die Handlung stärker hineingezogen, er erfährt, wie die
Darsteller aussehen, was sie gefühlt haben. Da man die Sprache vor allem
sieht, kann man die Emotionen, die durch Mimik zum Ausdruck kommen, besser
wahrnehmen.“
Frau Mladová, Sie sind Administratorin der Bildungsprogramme für Dolmetscher. Gibt es in Tschechien genug Gebärdendolmetscher?
„Es gibt hier eine große Nachfrage nach Gebärdendolmetscher aber zugleich nur eine geringe Bereitschaft die Gebärdensprache richtig zu lernen. Dabei ist es aber sehr wichtig, dass sich die Dolmetscher weiter ausbilden. Es gibt zu viele Dolmetscher, die es nicht als nötig sehen, dass sie an sich selbst weiterarbeiten, was überall in Europa ganz normal ist.“
Unsere deutschsprachigen Hörer wird es sicher interessieren, ob es in der Gebärdensprache auch internationale Unterschiede gibt. Gibt es eine deutsche und eine tschechische Gebärdensprache, oder gibt es nur eine?
„Die deutsche Gebärdensprache ist auf jeden Fall anders als die
tschechische, sie hat andere Zeichen, andere Grammatik. Aber ihr Wesen oder
Logik ist ähnlich. So ist es möglich, dass sich die Gehörlosen aus
Tschechien und aus Deutschland schneller untereinander verständigen als
die Hörenden aus beiden Ländern“, sagt Pavlína Mladová.
„Die Unterschiede sind durch die natürliche Entwicklung der Sprache verursacht. Die Gebärdensprachen entstehen, wie andere natürliche Sprachen auch, in verschieden Gemeinschaften, deshalb müssen sie gesetzmäßig auch verschieden sein“, so der Dolmetscher der Gebärdensprache Jindřich Mareš.
Ist die Welt der Gehörlosen anders als die Welt derjenigen, die hören? Vielleicht wesentlich anders? Was meinen Sie, Herr Mareš?
„Für jemanden, der als Gehörloser geboren wurde, ist die Tatsache, dass er nicht hört, nichts Besonderes. Er sieht das als etwas Natürliches, etwas, was zu ihm gehört, als ein Teil seines Individuums.“
Aber trotzdem, wir leben in einer Welt, in der Geräusche oder Töne Informationen vermitteln, in der sie eine enorm große Rolle spielen. Da müssen die Gehörlosen ständig mit irgendwelchen Barrieren zu tun haben. Macht das für die Gehörlosen unsere Welt – ich würde sagen – unsere „laute“ Welt nicht fremd?
„Wenn man ihnen entgegenkommen würde und sie den Barrieren nicht aussetzt, dann würden sie sich – meiner Meinung nach – nicht als unnormal oder unterschiedlich empfinden. Es sind die gleichen Leute wie wir. Sie nehmen nur die Umwelt auf eine unterschiedliche Weise wahr“, so Mareš.





