Tschechisch in 10 Monaten

Das Sommersemester hat an den Tschechischen Universitäten schon im Februar angefangen, in Deutschland dagegen laufen gerade die Semesterferien. In Regensburg und Passau wird aber trotzdem intensiv unterrichtet - und zwar Tschechisch. Dort gibt es eine ganze Studien begleitende Ausbildung mit Schwerpunkt "Tschechische Republik", die in ganz Deutschland einmalig ist. Jan Patera weiß dazu mehr.

Ich glaube, ich bin in einem Tschechischen Film! So geht es jedem, der anfängt Tschechisch als neue Fremdsprache zu lernen. Nach den ersten Lektionen sinkt meist die anfängliche Begeisterung. Es ist, als ob man sich ohne rettenden Ariadnefaden durch ein Labyrinth finden muss. Die Studenten des Bohemicum an den bayerischen Universitäten Regensburg und Passau kennen das zur Genüge. Ein Jahr lang lernen sie neben ihrem normalen Studium mindestens vier Stunden pro Woche Tschechisch. Dazu kommen zwei Intensivsprachkurse und zum Abschluss ein Monat Sommerschule in der Tschechischen Republik. Sebastian Kraft hat das Bohemicum bereits hinter sich und spricht inzwischen fließend Tschechisch:

"Es ist natürlich nicht gerade leicht. In diesem einen Jahr gibt es sehr viel Stoff: die komplette Grammatik, ein großer Wortschatz und alles was damit zusammenhängt. Ein Student, der das machen will, der muss wirklich sehr viel Zeit investieren und viel lernen. Aber dann hat er auch einen wirklich großen Nutzen davon. Wenn die Studenten nach dem einen Jahr zurückblicken, dann freuen und wundern sich viele, was sie alles gelernt haben."

Man sagt, Tschechisch sei eine äußerst schwere Sprache. Aber von diesem Vorurteil lassen sich die Studenten von Bohemicum nicht abschrecken. Das meint zumindest ihre Lektorin Katerina Sichova. Manche geben zwar auf, aber die meisten davon gleich zu Anfang, nach dem ersten Intensivkurs:

Die Steinende Brücke in Regensburg (Foto: Archiv von Bohemicum)Die Steinende Brücke in Regensburg (Foto: Archiv von Bohemicum) "Tschechisch ist für viele so schwierig, weil sie damit nie etwas zu tun gehabt haben. Die meisten haben in der Schule Englisch, Französisch oder Latein gehabt. Dem Tschechischen begegnet ein normaler durchschnittlicher Mensch in Deutschland nicht. Ich stelle mir das so vor, als müsste ich jetzt von Null an Chinesisch lernen. Die meisten Wörter kann man wirklich überhaupt nicht entschlüsseln und verbindet damit gar nichts. Deswegen fangen wir so an, dass wir den Studenten zu Anfang tschechische Wörter vermitteln, die auf einer internationalen Basis beruhen - zum Beispiel ,telefonovat', ,papir' und andere Ausdrücke, die sie eben gleich verstehen und dadurch die Angst vor der Sprache verlieren", erzählt Frau Sichova über ihre Methode für den Tschechischunterricht.

Aber nicht nur mit der Fremdsprache müssen sich die Studenten befassen. Es wird landeskundliches und fachbezogenes Wissen über Tschechische Republik vermittelt. Das Bohemicum ist eine studienbegleitende Ausbildung. Das heißt, man muss je nach seinem Fach Kurse belegen, die sich entweder mit Prager Denkmälern, mit tschechischem Recht, der Transformation zur Marktwirtschaft, der slawischen Literatur oder mit der interkulturellen Kommunikation beschäftigen. Auch hier werden keine Kenntnisse voraussetzt. Selbst wenn die Studenten aus dem Grenzgebiet stammen, oder sogar Verwandte in Tschechien haben, wissen sie aus der Schule oft nicht mehr als Schlagworte über das Nachbarland, wie sie selber zugeben:

"Prager Frühling, Sudentendeutsche, Vertreibungen, das hat einem schon etwas gesagt, vielleicht noch Protektoratszeit, aber eigentlich nicht so viel. Über Osteuropa weiß man überhaupt nichts, aber langsam wird Europa wieder zusammenwachsen. Wir haben irgendwo noch Verwandte in Tschechien, weil meine Oma Sudetendeutsche war. Meine Mutter war eigentlich nicht so begeistert, dass ich Tschechisch lerne, weil es für Ihre Generation negativ belegt war. Mittlerweile hat sie es akzeptiert", meint eine Studentin aus der Oberpfalz.

Nach der Wende hat sich das bayerische Staatsministerium darum bemüht, den Freistaat Richtung Osten zu öffnen und mit dieser Absicht auch die Entstehung des Studienganges Bohemicum angeregt. Im Jahr 1998 hat Marek Nekula aus Brno / Brünn die Leitung übernommen. Der Sprach- und Kulturwissenschaftler hat seitdem in Regensburg zahlreiche Forschungsprojekte zu deutsch-tschechischen Kulturkontakten geführt.

Das Bohemicum ist eine akademische Einrichtung, die sehr wohl auch über die Universität hinaus wirken will. Ein Beispiel dafür sind etwa die Untersuchungen von Sprachsituationen in multinationalen Unternehmen. Aus ihren Ergebnissen konnten wichtige Empfehlungen für das deutschsprachige Management abgeleitet werden. Nochmals hat es sich bestätigt, dass es Sinn macht, Tschechisch zu lernen, so Marek Nekula:

Logo von BohemicumLogo von Bohemicum "Gerade in der Wirtschaftssphäre zeigt sich, dass die Kenntnis des Tschechischen sehr wohl hilft, in die sozialen Netze hineinzukommen und die Mitarbeiter zu motivieren. Tschechisch zu beherrschen, bedeutet eine Kontrolle über die Kommunikation zu haben, auf die Leute auch eingehen zu können und auf diese Weise auch unerwünschte Störungen und Asymmetrien zu beseitigen."

Die höchste Anerkennung hat die Einrichtung allerdings erreicht, als Vaclav Havel bei seinem Staatsbesuch im Mai 2000 auch an der Universität Regensburg Station gemacht hat. Der größte Hörsaal, das "Audimax", war wahrscheinlich noch nie so voll wie damals bei der Diskussion mit Havel. Im Büro von Professor Nekula hängt als Erinnerung immer noch das Bild des ehemaligen Präsidenten an der Wand. Aber nicht nur die Highlights, auch der Alltag ist durchaus erfreulich. Die Zahl der Bewerber steigt. Im letzten Jahr waren insgesamt mehr als 100 Studenten in Regensburg und Passau für das Bohemicum eingeschrieben. Die Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt und arbeiten inzwischen in Brüssel, in Ministerien, in Anwaltskanzleien, in Vertretungen von multinationalen Unternehmen oder in Einrichtungen, die den bilateralen Kontakt pflegen, wie etwa der Deutsch-Tschechische Zukunftsfond in Prag. Marek Nekula:

"Wir sind jetzt in Moment so weit, dass wir nicht alle Bewerber aufnehmen können, die bei uns das Bohemicum machen möchten. Die Studenten haben es inzwischen begriffen, dass das ein Vorteil ist, eine kleinere besondere Sprache zu lernen. Englisch ist eine Sprache, die sowieso erwartet wird. Tschechisch ist dann ein Mehrwert, der die Türen öffnen kann. Wenn ich mir jetzt anschaue, wo unsere Studenten gelandet sind, bin ich eigentlich sehr zufrieden. Von vielen habe ich dann eine Rückmeldung bekommen, dass gerade das Bohemicum entscheidend dafür war, dass sie die Stelle bekommen haben und das freut mich natürlich."

Neuerdings kann man sich über das Profil der Absolventen in einer umfassenden virtuellen Datenbank informieren, die bis jetzt fast 90 Einträge enthält. Man findet dort überwiegen Studenten der Sprachen, sowie aus den Bereichen Wirtschaft und Jura. Nicht nur die 2000 registrierten Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum, die in Tschechien tätig sind, dürften an diesen jungen Leuten Interesse haben.

Im Juli 2006 wird der zehnte Jahrgang des Bohemicum abgeschlossen sein, und das ist sicherlich ein Grund zu feiern. Das hat auch der Leiter Marek Nekula vor, allerdings immer mit Blick auf die Zukunft. Diesmal werden Tschechischlehrer aus Bayern und Sachsen nach Regensburg eingeladen und das neue Lehrwerk des Bohemicum "Tschechisch kommunikativ" vorgestellt. Langfristig geht es darum, die Stellung des Tschechischen im bayerischen Bildungswesen deutlich zu stärkern. Denn warum sollte im Grenzgebiet mehr Spanisch oder Italienisch als Tschechisch unterrichtet werden? Der Grenzverkehr verläuft schon seit lange nicht nur einseitig, betont der Leiter des Bohemicum, Marek Nekula:

"Es ist eine wechselseitiger Austausch Bewegung. Es kommen auch Tschechen als Touristen nach Bayern, als Käufer, als Patienten in den Heilbädern, und es wächst langsam der Bedarf nach Tschechischkenntnissen. Es wäre mein Wunsch, dass diese Wahrnehmung der Dinge auch bei den politischen Spitzen in Bayern ankommt, und dass die vielleicht weitsichtig eine entsprechende Entscheidung treffen, wie sie das auch damals mit dem Bohemicum gemacht haben."

Wenn das gelingt, könnte man noch mehr feiern!