Begegnungen Petr Čichoň reiten die schlesischen Teufel
Petr Čichoň ist Tscheche, er ist Deutscher, er ist Architekt und nicht zuletzt leidenschaftlicher Lyriker Seine Gedichte reflektieren die Suche nach seiner Identität. Das Thema der Balladen: das „preußische“ Schlesien – wie es war und wie es geworden ist. Denn aus dieser Region stammt Petr Čichoň ursprünglich. Bald schon soll sein Debüt-Roman erscheinen, in dem zwei Schlesier ihr Glück im Westen suchen. Christian Rühmkorf hat Petr Čichoň im tschechischen Brünn besucht.
Petr Čichoň (Foto: www.petrcichon.atlasweb.cz)
Petr Čichoň ist eher klein. Schmalschultrig, blass. Mit einem Lächeln
steht der leicht ergraute Architekt er im Türrahmen seiner
Dachgeschosswohnung in Brünn. Vorsicht, hier werde gebaut, warnt er. Der
Fußboden im Eingangsbereich ist aufgerissen. Werkzeug liegt herum. Der
Wohnraum selbst ist spärlich eingerichtet. In der Kochnische bereitet Petr
Čichoň grünen Tee und entkoffeinierten Kaffee zu. Seit zwei Jahrzehnten
lebt der 40-Jährige im mährischen Brünn, als Immigrant, sagt er und
schmunzelt. Denn eigentlich kommt er aus dem Hultschiner Ländchen, einem
sehr eigenen Teil Schlesiens. Seine Bewohner gehören noch heute nicht so
recht zu Tschechien dazu. Petr Čichoň bekam das schon als Kind zu
spüren, wenn er in die nur ein paar Kilometer entfernte Stadt Ostrau fuhr.
Ostrava/Ostrau
„Ich erinnere mich noch daran, als wir von der Grundschule auf das
Gymnasium kamen. Wir sprachen vielleicht auch einen etwas anderen Dialekt,
und manchmal ist es passiert, dass Mitschüler zu mir sagten: ´Ach, das
ist doch nur ein Prajzák!´, ein Preuße. Das war schon unangenehm.“
Das Hultschiner Ländchen gehörte in der Geschichte mal zu Österreich, mal zu Preußen und im 20. Jahrhundert ging es dann ein paar Mal hin und her zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakei.
„Meine Uroma zum Beispiel, die war in ihrem Leben mehrere Male Deutsche und Tschechin. Die Identität der Menschen dort ist oft zerklüftet. Aber das Hultschiner Ländchen war doch vor allem geprägt von der deutschen Kultur und Politik, meistens allerdings in Form von Kriegen.“
Und von dieser dunklen Seite des schlesischen Landstriches handeln auch
die jüngsten Gedichte von Petr Čichoň. Er singt sie auch auf Deutsch,
obwohl er es eigentlich nicht spricht.
„Gute Nacht Schlesien, für Dich allein
spielten die Teufel
im Birkenhain…“
„Von uns sang die arische Liebe, die die Zeit getötet hat….“
„Ich habe lange überlegt, ob ich diese Gedichte überhaupt veröffentlichen soll. Einmal, nach einer Lesung in Tschechien, kam ein Mann verärgert zu mir und sagte: ´Mir haben die Deutschen meine ganze Familie umgebracht´. Ich sagte nur, bitte, so sind die Gedichte nicht gemeint - und habe versucht, ihm das zu erklären.“
Preußische Balladen von Petr Čichoň
Aber die Erklärung fällt Petr Čichoň auch heute noch nicht leicht.
„Pruské balady“ – preußische Balladen – ist der dritte Lyrikband
von Petr Čichoň. Er versuche darin den teuflischen Geist dieser Gegend zu
bannen, einzufangen. – Und damit auch einen Teil von sich selbst, sagt
er. Daraus wird ein schauriges Spiel mit Identität und Zeit. Zwischen
beiden Buchdeckeln hassen, vernichten, lieben, morden und schmachten alle,
die über dieses Land hinweggegangen sind. Barone, Wehrmachtssoldaten,
Zigeuner, Könige oder der Teufel. Und Petr Čichoň selbst.
Vor zehn Jahren - ausgebrannt vom Architekten-Job, vom Schreiben und vom Ausbau seiner Wohnung - war Čichoň für fast ein Jahr von Brünn ins Hultschiner Ländchen zurückgekehrt. Er ließ sich von seinen Eltern gesund pflegen und entdeckte während seiner Spaziergänge die alte Heimat ein zweites Mal.
Die Wurzeln von Čichoňs Familie sind deutsch. Seine Uroma, die mehrere Söhne in der Wehrmacht verloren hat, sprach mehr deutsch als tschechisch.
„Ich habe noch Erinnerungen daran, wie sie mich im Kinderwagen durch die
Gegend schob und Deutsch mit mir sprach. Diese Erfahrungen sind wichtig.
Denn ich glaube, Poesie muss man aus dem Kinderwagen schöpfen. Für Poesie
muss man etwas tief erlebt und empfunden haben.“
Doch als er in den 70er / 80er Jahren zur Schule ging, da war Deutsch für ihn verboten. Das kommunistische Regime der Tschechoslowakei achtete gerade im Hultschiner Ländchen darauf, dass den Kindern kein deutsches Wort über die Lippen kam.
„Deutsch hat für mich noch immer etwas Geheimnisvolles und auch Verbotenes. Und ich glaube nicht – wie viele Tschechen behaupten – dass Deutsch eine harte Sprache ist. Im Gegenteil, es ist meiner Ansicht nach sehr zerbrechlich.“
Wenn er auf den Lesungen vom tschechischen zum deutschen Vers übergehe, dann seien die Leute überrascht und würden nachdenklich. Deutsch und Poesie, das sei für die meisten Tschechen ein Widerspruch, exotisch.
Seit ein paar Jahren nimmt Čichoň ein Mal pro Woche Deutschunterricht. Und lernt die Sprache seines anderen Ich, wie er sagt. Ein bisschen hat dabei auch das einmonatige Literaturstipendium in Wiesbaden geholfen. Und die Musik der Einstürzenden Neubauten. Aber sein Brotberuf als freier Architekt lässt ihm nicht genug Zeit. Doch die braucht Petr Čichoň jetzt mehr denn je. In gut einem Jahr soll sein erster Roman erscheinen. „Schlesischer Roman“ heißt er und erzählt von zwei Männern, die Schlesien hinter sich lassen, um es am Ende wiederzufinden. – Wie Petr Čichoň.







