Begegnungen Die Sächsisch-Böhmische Schweiz - Eine einheitliche Tourismusregion trotz politischer Grenzen
Die Schweiz ist nicht nur der Staat in den Alpen. In Tschechien gibt es zum Beispiel drei Regionen, die den Zusatz „Schweiz“ in ihrem Namen tragen. In Deutschland sind es sogar 67 Regionen. Der Grund eine Region mit dem Attribut „Schweiz“ zu belegen, ist meist, eine außergewöhnliche Naturlandschaft zu würdigen. Und so ist es auch im Falle der Böhmischen Schweiz und der Sächsischen Schweiz, die direkt aneinander grenzen. Geologisch aber ist diese Region einheitlich und vielen unter dem oft synonym verwendeten Begriff Elbsandsteingebirge bekannt. Die Tourismusverbände beider Regionen tragen nun dieser Gemeinsamkeit Rechnung und planen eine enge, grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Wer schon einmal mit dem Zug von Ústí nad Labem / Aussig nach Dresden
oder umgekehrt gefahren ist, wird sie kaum bemerkt haben: die Landesgrenze
zwischen Tschechien und Deutschland. Denn landschaftlich unterscheiden sich
die beidseits der Grenze liegenden Regionen durch nichts. Die Bahnstrecke
führt hier entlang der Elbe. Zwischen dem nordböhmischen Děčín /
Tetschen und dem sächsischen Pirna ragen an beiden Flussufern bizarre
Felsformationen auf, das so genannte Elbsandsteingebirge, mit etwa 700
Quadratkilometern die größte Sandsteinregion Europas.
Tino Richter
„Wir haben diese wunderschönen Sandsteinformationen, diese
Felslandschaft, die immer wieder viele Gäste begeistert. Aber auch die
Elbe als Fluss ist sehr spannend. Die historische Dampfschifffahrt auf der
Elbe ist zum Beispiel eine der größten Attraktionen, die wir hier in der
Region haben, aber auch die Burgen und Schlösser. Die bekannteste ist die
Burg Königsstein, wo jährlich über eine halbe Million Besucher
hinkommen“, beschreibt Tino Richter die Vorzüge der Region.
Tino Richter ist der Geschäftsführer des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz, wie die deutsche Seite der Region genannt wird. Der Name geht zurück auf zwei Schweizer Künstler, die im 18. Jahrhundert an die Dresdener Kunstakademie berufen wurden und sich von der Felslandschaft an ihre Heimat erinnert fühlten. In Anlehnung an die Sächsische Schweiz wurde wenig später der Name Böhmische Schweiz für das geologisch identische Gebiet weiter südlich geprägt, das heute auf der tschechischen Seite der Grenze liegt. Die Aufgaben, die in Sachsen der Tourismusverband Sächsische Schweiz ausübt, werden in Tschechien von der Gemeinnützigen Gesellschaft Böhmische Schweiz übernommen, deren Geschäftsführer Marek Mráz ist.
„Die Region Böhmische Schweiz ist eine der ältesten touristischen Regionen in Tschechien. Diese Landschaft ist voll von geheimen Orten mit einer sehr interessanten Geschichte, die noch nicht völlig entdeckt ist. Konkret bietet die Region den Touristen ein attraktives Netz von Touristenwegen, viele Aussichttürme, historische Arten des Verkehrs und nicht zuletzt ein interessantes Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten in traditionellen Unterkünften.“
Bei den vielen Gemeinsamkeiten, die beide „Schweizen“ haben, liegt es auf der Hand, die Kräfte im Tourismusbereich zu bündeln. Seit vier Jahren arbeiten der Tourismusverband Sächsische Schweiz und die Gemeinnützige Gesellschaft Böhmische Schweiz schon zusammen. Mit Fördermitteln der EU wird diese Zusammenarbeit nun intensiviert. „Sächsisch-Böhmische Schweiz“ heißt das Projekt. Marek Mráz:
Das Prebisch- Tor
„In diesem Projekt geht es vor allem darum, dass die Touristen, die in
die Region kommen, das ganze Angebot der Sächsisch-Böhmischen Schweiz
nutzen können, ohne Rücksicht auf politische Grenzen. Es soll keine
Barrieren geben.“
Die Sächsisch-Böhmische Schweiz: eine einheitliche Region. Touristen in der Sächsischen Schweiz will man auch die Besonderheiten der Böhmischen Schweiz nahe bringen, und umgekehrt. Um das zu erreichen haben sich die sächsischen und Tschechischen Partner viel vorgenommen.
„Wir wollen ein gemeinsames Informationssystem aufbauen sowohl im
Internet als auch durch Informationstafeln, um die Gäste auch wirklich
spüren zu lassen, das das Ganze eine einheitliche Region ist, und sie
unabhängig von einer Staatsgrenze eine Tourismusregion erleben lassen zu
können. Dazu gehören auch eine ganze Menge an Messeaktivitäten, aber
auch verschiedene Exkursionen und Reisen, die wir für die jeweiligen
Touristiker anbieten, sowie eine ganze Menge weiterer Aktivitäten. Es ist
ein sehr umfangreiches Paket, das wir geplant haben, um die
Sächsisch-Böhmische Schweiz mit einer gemeinsamen Marke bekannt zu
machen.“
Ein gemeinsames zweisprachiges Logo benutzt man in Sachsen wie in Böhmen bereits seit etwa zwei Jahren. Nun will man eine halbe Million Broschüren drucken lassen. Bis spätestens Anfang 2012 soll eine gemeinsame deutsch-tschechische Vermarktungsagentur gegründet werden, die weitere touristische Angebote entwickeln soll. Das Projekt ist bislang europaweit einzigartig. Aus den Entwicklungsfonds der EU wird es in den kommenden etwa drei Jahren mit 1,2 Millionen Euro gefördert. Weitere 200.000 Euro will man selbst aufbringen. Dabei zieht man tatsächlich bedingungslos an einem Strang, betont Tino Richter. Marek Mráz bestätigt das und hebt besonders hervor, das auch die Initiative zu der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gemeinsam entstand:
„Das war wirklich 50:50. Wir sind sehr glücklich, dass auf beiden Seite der Grenze Leute sind, die das gleiche Gefühl haben. Nämlich, dass wir diese traditionelle touristische Region in Europa nicht in zwei Teile teilen können. Wir müssen sie zusammen präsentieren, auch um konkurrenzfähig gegen andere Regionen zu sein. Wir sind dabei wirklich volle Partner, und das freut mich sehr.“
Foto: www.ceskesvycarsko.cz
Knapp drei Millionen Übernachtungen zählen die Tourismusunternehmen in
der Böhmischen und der Sächsischen Schweiz pro Jahr. Millionen von
Tagestouristen aus Dresden oder Prag kommen noch hinzu. Die meisten von
ihnen sind Aktiv-Urlauber, die von der einzigartigen Landschaft der Region
angelockt werden, um zu wandern oder die Landschaft mit dem Fahrrad zu
erkunden. In diesem Zusammenhang weist man hüben wie drüben auch stark
auf die Verantwortung gegenüber der Natur hin. Sowohl die Böhmische als
auch die Sächsische Schweiz sind Nationalparks ihrer Länder.
Marek Mráz
„Wir haben nicht nur mit den Touristikern in der Böhmischen Schweiz
eine gute Verbindung, sondern auch mit den beiden Verwaltungen der
Nationalparks“, sagt Tino Richter. Marek Mráz’ Gemeinnützige
Gesellschaft Böhmische Schweiz ist ohnehin neben dem Tourismus auch im
Naturschutz und in der Umweltbildung aktiv.
„Unser Anliegen ist nicht den Massivtourismus zu unterstützen, sondern einen sanften Tourismus. Wir bemühe uns um einen qualitativ hochwertigen Individualtourismus, der sich die Leute richtet, die hier wirklich die Natur erleben wollen.“
Im Einklang mit diesen Zielen will man mit dem Projekt „Sächsisch-Böhmische Schweiz“ für die Menschen in der Region dauerhaft eine breite Existenzgrundlage im Fremdenverkehr schaffen.
„Deswegen hoffen wir, dass wir die Tourismuswirtschaft hier in der Region weiter fördern können und dafür sorgen können, dass viele Leute, die hier im Tourismus arbeiten, langfristig davon leben können.“
Ein mittelfristiges Ziel, dass dabei sicher helfen könnte, formuliert Marek Mráz:
„Ich erwarte mir von dem Projekt, dass unsere Chancen in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen zu werden, erheblich steigen, so dass die Sächsisch-Böhmische Schweiz in drei oder mehr Jahren grenzüberschreitend in der Unescoliste ist.“
So gibt es vielleicht schon bald wenige Kilometer flussaufwärts einen
Ersatz für die Kulturlandschaft Elbtal, die die Unesco erst vor kurzem von
ihrer Liste gestrichen hat.





