Zeitzeugen, Opernarien und der Erfinder der weichen Kontaktlinse

Das Tschechische Zentrum in Wien bietet auch im Juni wieder ein umfangreiches Programm. Ein besonderer Schwerpunkt liegt erneut auf der Geschichte. Zwei Journalisten stehen dabei im Mittelpunkt: Judita Matyášová und Ivan Medek. Im Bereich Kultur geht es um die klassische Oper. Außerdem bietet das Zentrum einen ganz besonderen Blick auf den tschechischen Erfinder Otto Wichterle. Ein Gespräch mit Martin Krafl, dem Leiter des Tschechischen Zentrums in Wien.

Judita Matyášová (Foto: Eva Dvořáková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Judita Matyášová (Foto: Eva Dvořáková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Herr Krafl, letztes Mal ging es mit Karl IV. um Geschichte. Damit fahren wir dieses Mal fort, kommen aber etwas näher an die Gegenwart heran. Eine Ausstellung bei Ihnen heißt Sophies Entscheidung und beschäftigt sich mit der Journalistin Judita Matyášová. Wer ist sie, und was erwartet die Besucher in der Ausstellung?

„Judita Matyášová ist Absolventin der Josef-Škvorecký-Literaturschule und arbeitet als Journalistin für die Lidové Noviny. Sie hat sich mit der Geschichte der jüdischen Kinderflüchtlinge beschäftigt, die 1939 aus dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Skandinavien flohen. Neben den berühmten ‚Kindertransporten‘ von Nicholas Winton gab es noch weitere Rettungsaktionen. So auch von 80 jüdischen Teenagern, die nach Dänemark und Schweden flohen. Jahrelang hat sich ein Team von Journalisten um Judita Matyášová ihren Lebensgeschichten gewidmet und rund 30 der damaligen Kinder ausfindig gemacht. Die Ausstellung schildert ihre Erinnerungen mit Fotos, Briefen und Interviews. Die Ausstellung wird im Green Belt Center in Windhaag bei Freistadt gezeigt. Die Vernissage findet diesen Freitag um 20 Uhr statt, und die Ausstellung läuft bis 22. Juli.“

Dokumentarfilm ‚Into the North‘ (Foto: Mimesis Film)Dokumentarfilm ‚Into the North‘ (Foto: Mimesis Film) Interessierte können sich aber nicht nur die Ausstellung anschauen. Es wird auch ein Film gezeigt…

„Das Tschechische Zentrum hat zusammen mit dem Green Belt Center noch viel mehr vorbereitet. Erstens wird hier im Tschechischen Zentrum der Dokumentarfilm ‚Into the North‘ gezeigt. Es geht dabei um die Geschichte der damaligen Teenager, die Suche nach ihnen und das Treffen von 30 von ihnen. Der Film wird im Juni mehrmals gezeigt. Eingeladen werden auch Schüler, und das Greenbelt Zentrum bietet Workshops für Pädagogen zu diesem Thema. Außerdem erwartet die Besucher auch das Theaterstück ‚Eichmann‘ von Rainer Lewandowski mit dem Schauspieler Franz Froschauer in der Hauptrolle. Es geht um das Verhör des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann in Argentinien.“

Ivan Medek (Foto: NoJin, CC BY-SA 3.0)Ivan Medek (Foto: NoJin, CC BY-SA 3.0) Mit Ivan Medek wird ein weiterer Journalist geehrt. Zu seinen Ehren findet ein Themenabend im Tschechischen Zentrum statt. Was macht Ivan Medek so besonders, und worum geht es bei dem Abend, der ihm gewidmet ist?

„Ivan Medek gehört zu den lautstärksten Mitgliedern der tschechoslowakischen Dissidentenbewegung. Er emigrierte 1978 nach Wien und arbeitete hier als Korrespondent für Voice of America. Später war er auch für Radio Free Europe, die BBC und die Deutsche Welle tätig. Der Musiktheoretiker, Journalist und Kritiker Ivan Medek war dabei ein wichtiger Zeitzeuge der Ereignisse in der kommunistischen Tschechoslowakei. Nach der Samtenen Revolution war er von 1993 bis 1998 schließlich auch Mitarbeiter des damaligen Präsidenten Václav Havel. Wir haben uns entschieden, einen Abend ‚in Memoriam‘ für Ivan Medek zu veranstalten, und zwar in Anwesenheit seiner Gattin Helena Medková. Die Veranstaltung findet am 7. Juni um 18.30 Uhr statt, moderieren wird ihn die tschechisch-österreichische Historikerin Jana Stárek.“

Adam Plachetka (Foto: Markéta Navrátilová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Adam Plachetka (Foto: Markéta Navrátilová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Von der Geschichte kommen wir zur Kultur, genauer gesagt zur Musik. Aus der Wiener Staatsoper kommt Adam Plachetka ins Tschechische Zentrum…

„Da er in Wien lebt und an der Staatsoper singt, ist Adam Plachetka für uns ein ständiger Gast. Er wird diesmal im Tschechischen Zentrum seine neue CD präsentieren. Dort singt Adam Plachetka Opernarien von Donizzetti, Verdi, Rossini, Smetana, Bizet, Dvořák und Pauer. Auf diesem Album wird er begleitet vom Prager Radiosymphonieorchester unter der Leitung von Ondřej Lenárd. Bei dem Abend am 15. Juni im Tschechischen Zentrum bieten wir ein Gespräch mit Adam Plachetka an sowie eine Autogrammstunde. Er gehört momentan zu den besten Bassbaritonen in Europa. An der Wiener Staatsoper hat er als Schaunard in La Bohème debütiert. Zu seinen größten Erfolgen zählt aber seine Rolle des Don Giovanni.“

In Prag wurde diese Woche der Otto-Wichterle-Preis für junge Wissenschaftler vergeben. Auch das Tschechische Zentrum Wien beschäftigt sich mit dem Erfinder der Kontaktlinse, wenn auch auf eine besondere Art und Weise. Worum geht es?

Ausstellung „Die Geschichte der Kontaktlinse“ (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums)Ausstellung „Die Geschichte der Kontaktlinse“ (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums) „Wir zeigen dem Publikum eine Comic-Ausstellung. Diese beschäftigt sich mit dem bewegten Leben und den Erfolgen des Forschers Otto Wichterle. Auch wird mit einem Prototyp von Wichterles Kontaktlinsenmaschine ein sehr wertvolles Exponat gezeigt. Die Ausstellung hat Zuzana Pahulová gestaltet und ist von 23 Juni bis 9. September im Tschechischen Zentrum in Wien zu sehen. Otto Wichterle ist der Erfinder der weichen Kontaktlinse. Das ist in der Welt heutzutage leider immer noch nicht genug bekannt. Diese Ausstellung soll nicht nur seine Erfindungen präsentieren. Es soll auch erklärt werden, wie kompliziert sein Leben war: Wie er 1939 Prag verlassen musste, als die Hochschulen von den Nationalsozialisten geschlossen wurden. Wie er nach Zlín gehen musste, wo er mit der Unterstützung von Jan Antonín Baťa weiterforschen konnte. Dort hat er auch mit seinen Kollegen die Kunstfaser Silon entwickelt. Schließlich zeigt die Ausstellung die Erfindung der weichen Kontaktlinse und wie sie, ohne das Wissen ihres Erfinders, von den Kommunisten in die USA verkauft wurde.“