Tschechische Kulturtage in Wien – von Pantomime bis Adventskonzert

Zwar sind es noch gut zwei Wochen bis dahin, doch bereits jetzt wollen wir auf die Tschechischen Kulturtage in Wien aufmerksam machen. Die Veranstaltungsreihe, die das Tschechische Zentrum in der österreichischen Hauptstadt zusammengestellt hat, startet Mitte Oktober. Dazu nun mehr im Gespräch mit dem Leiter des Wiener Tschechischen Zentrums, Martin Krafl.

Martin KraflMartin Krafl Herr Krafl, das Tschechische Zentrum in Wien plant eine große Veranstaltungsreihe. Sie heißt Bank Austria Tschechische Kulturtage. Was kann man sich darunter vorstellen, was kommt da auf die Freunde der tschechischen Kultur in und um Wien zu?

„Es handelt sich um elf Veranstaltungen, inklusive einer Präsentation der tschechischen Kurorte. Diese Tschechischen Kulturtage können wir in Wien dank der Unterstützung durch die Unicredit Bank Austria und die tschechische Brauerei Staropramen organisieren. Sie fangen am 16. Oktober an und laufen bis zum 1. Dezember. Wir möchten unser Land aus einer zeitgenössischen Perspektive näher vorstellen. Schließlich ist es mit dem heutigen Österreich durch eine wechselvolle Geschichte verbunden und hat Österreich zugleich in vielfacher Weise beeinflusst und bereichert: von Literaten wie Franz Kafka, über Komponisten wie Antonín Dvořák, bis hin zur böhmischen Kochkunst.“

Tschechisches Zentrum WienTschechisches Zentrum Wien Ist es das erste Mal, dass in solch einem Umfang Sponsoren für die Veranstaltungen von Tschechischen Zentren gewonnen wurden?

„Nein. Wir müssten eigentlich ständig Sponsoren suchen, weil unser Budget sehr begrenzt ist. Wir arbeiten im Auftrag des tschechischen Außenministeriums, und das gehört einfach dazu. Dass diesmal der Sponsorenname sogar im Titel der Veranstaltung auftaucht, hat zwei Gründe. Erstens hängt es mit der riesigen Summe zusammen, mit der die Bank die Veranstaltungsreihe ermöglicht hat. Zweitens gehört die Veranstaltungsreihe zu einer Präsentation der mitteleuropäischen Länder in Wien. Die Unicredit Bank macht das jedes Jahr, und dieses Jahr haben wir uns zusammen für Tschechien entschieden.“

Michal Mašek (Foto: Josef Nekvasil)Michal Mašek (Foto: Josef Nekvasil) Diese Kulturtage werden von zwei Konzerten umrahmt. Es sind jeweils anerkannte Künstler aus Tschechien, die zu hören sein werden. Das Eröffnungskonzert findet am 16. Oktober statt, auftreten wird der junge tschechische Pianist Michal Mašek. Vielleicht können Sie ihn und das Programm des Konzerts ein bisschen vorstellen…

„Michal Mašek spielt an einem Steinway-Flügel. Er ist ein Spezialist und großer Bewunderer der tschechischen Komponistengröße Bohuslav Martinů. Er gehört zu den wenigen auserwählten Musikern, die mit dem EMI-Classics-Verlag zusammenarbeiten. Zu seinen erfolgreichen letzten Projekten gehört ein Bohuslav-Martinů-Klavierrezital, das auch bei seinem Auftritt im Alten Rathaus Wien im Mittelpunkt steht. Bestandteil der EMI-Aufnahme mit den wichtigsten Klavierwerken Martinůs ist auch ein 70-seitiges Buch mit wissenschaftlichen Texten sowie Fotografien und Grafiken des Komponisten. Einige davon wird Mašek auch in Wien vorstellen.“

Das Abschlusskonzert bestreitet dann der renommierte Kühn-Kinderchor…

„Das ist richtig. Das Konzert wird in der Hofburgkapelle stattfinden. Der Kühn-Kinderchor wurde unter anderem 1998 mit dem European Grand Prix ausgezeichnet, das Ensemble wurde 1932 gegründet und hat seitdem zahlreiche bekannte Musiker hervorgebracht. Der Chor hat über 50 Alben mit Klassikern der Weltmusik veröffentlicht und ist auch schon in der Carnegie Hall in New York oder bei den Bregenzer Festspielen aufgetreten. Nach Wien kommen 25 Sänger und Sängerinnen, unter der Leitung von Světlana Tvrzická. Es handelt sich um ein Adventskonzert mit der entsprechenden Musik.“

Vladimír Suchánek: Goldene SchaleVladimír Suchánek: Goldene Schale Zwischen den beiden Konzerten sind aber noch viele weitere Veranstaltungen geplant. Zum Beispiel einige Ausstellungen. Unter anderem sind lithografische Werke von Vladimír Suchánek zu sehen oder auch Malerei des tschechischen Kunstnachwuchses. Das klingt doch vielversprechend?

„Genau, in der Tschechischen Galerie in der Herrengasse werden wir die Lithografien von Vladimír Suchánek zeigen. Er ist einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen Grafik, hat internationale Erfolge gefeiert und an über 300 Ausstellungen teilgenommen. Zur Finissage dieser Ausstellung am 30. Oktober wird der von seinem Sohn und Regisseur Martin Suchánek gedrehte Dokumentarfilm ‚Antonín Dvořák – Deo Gratias’ über das Leben und das Hauptwerk dieser tschechischen Komponistengröße gezeigt. Und das ist kein Zufall. Vladimír Suchánek mag Dvořáks Musik sehr, und sie beeinflusst ihn auch bei seiner Arbeit. Die andere Ausstellung wird Werke von Studentinnen und Studenten der Akademie der bildenden Künste in Prag vorstellen. Dabei werden Künstler aus dem Atelier für Malerei nach Wien kommen, unter der Leitung von Michael Rittstein. Es präsentieren sich hier frische Absolventen wie Martin Krajc und Josef Achrer, der Preisträger des renommierten tschechischen Wettbewerbs ‚Kritikerpreis für junge Malerei’ ist, dann Tomáš Němec, der zu den talentiertesten Diplomanden des vergangenen Jahres zählt, und Tomáš Jetela, der auch schon in Salzburg ausgestellt hat. Und außerdem werden wir im November noch eine Ausstellung anbieten, und zwar trägt sie den Titel ‚Europäer’. Es handelt sich um Schwarzweiß-Fotografien und Farbaufnahmen dreier tschechischer Dokumentarfotografen: Jindřich Štreit, Vladimír Birgus und Jindřich Marco. Die drei Fotografen haben ihre Werke im Zeitraum von 1945 bis heute gemacht. Jindřich Štreit fing in den 1970er Jahren an, mit Sinn für das Groteske und die Absurdität den Alltag im totalitären System der Tschechoslowakei festzuhalten. Vladimír Birgus arbeitet seit drei Jahrzehnten an der Serie ‚Something Unspeakable’, mit Aufnahmen aus dem Alltag und von der Grenze zwischen Traum und Realität. Und schließlich zählen zu Jindřich Marcos wichtigsten Arbeiten seine zwischen 1945 und 1947 entstandenen Serien der Städte Dresden, Berlin, Budapest, Warschau und London.“

Da gibt es also viel zu sehen. Um zu einem anderen Themenbereich zu kommen: Bei uns in den Sendungen haben wir vor einigen Wochen ein Interview mit Jiří Chmel gesendet, dem Gründer des legendären Clubs Nachtasyl in Wien. Nun werden im Rahmen der Kulturtage der Gitarrist Michal Pavlíček und die Sängerin Monika Načeva dort gemeinsam auftreten. Glauben Sie, das dürfte eher ein jüngeres Publikum ansprechen?

„Wir hoffen das. Es ist ein Rockkonzert. Das legendäre ‚Nachtasyl’, wo das Konzert stattfindet, wurde 1987 als Treffpunkt der tschechischen und slowakischen Emigranten und Dissidenten gegründet. Heute ist es ein Ort, wo sich die Jugend trifft. Zu den großen historischen Momenten der Kneipe zählt zweifellos der Besuch des ehemaligen Staatspräsidenten Václav Havel, der 1989 im Rahmen seines Staatsbesuches in Österreich dort seine Charta-77-Mitstreiter traf. Und deshalb werden wir das Konzert auch in Gedenken an Václav Havel organisieren. Bis heute zieht das Nachtasyl vor allem Künstler und Intellektuelle an. Und wir hoffen, dass das Konzert von Michal Pavlíček und Monika Načeva, die seit 1994 zusammenarbeiten, sie alle begeistern wird.“

Sicher ebenso interessant dürfte die Lesung von Markéta Pilátová werden. Sie stellt Ihren neuen Roman vor. Worum geht es in dem Buch?

„Der Titel des Romans lautet ‚Mein Lieblingsbuch’, er erscheint im Herbst 2012 beim Braumüller Verlag auf Deutsch. In diesem Buch verspinnt Markéta Pilátová geschickt Märchen und Folkloremotive sowie packende Schicksale und Milieuschilderungen aus Megametropolen wie Sao Paolo und Buenos Aires. Im zweiten Roman der jungen tschechischen Erfolgsautorin geht um ein Schlangenforschungsinstitut in einem imaginären lateinamerikanischen Land, um das sich der skrupellose Reptilienforscher Vidal, eine der Schlangesprache kundige Halbindianerin, eine Top-Mafiajägerin und ein homosexueller Psychiater bewegen. Markéta Pilátová wird nicht nur in Wien lesen, sondern auch in Krems, Graz und Linz.“

Martin SochorMartin Sochor Gibt es noch eine Veranstaltung der Kulturtage, die Sie auf jeden Fall hervorheben wollen?

„Ich würde das Wiener Publikum und die Gäste, die nach Wien kommen, gerne noch ins Theater Brett einladen. Am Samstag, 17. November, werden wir dort eine Pantomimevorstellung mit Martin Sochor zeigen. Im Mittelpunkt des Wien-Debüts des tschechischen Ausnahmekünstlers steht die Pantomime-Performance ‚The Man Who Returned’, die bei zahlreichen in- und ausländischen Festivals Erfolge gefeiert hat. Die Eigenproduktion des Pantomimen, Schauspielers und Sängers, der übrigens bisher einziger tschechischer Absolvent der renommierten internationalen Schauspielschule Marcel Marceau ist, besticht durch sein poetische Rolleninterpretationen, bei denen Humor und Ironie eine wichtige Bedeutung haben.“