Schwerpunkt Design, aber auch viel Literatur – Herbstprogramm in Wien

Der Flyer des Tschechischen Zentrums in Wien verrät es: Erneut hat man die Qual der Wahl, wenn man an der Donau Veranstaltungen mit tschechischen Themen besuchen will. Diesmal steht Design im Vordergrund, aber auch Literatur, Architektur und Geschichte sind vertreten. Mehr zu den wichtigsten Veranstaltungen im Gespräch mit dem Leiter des Wiener Tschechischen Zentrums, Martin Krafl.

Ausstellung 4D-Schmuck (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Tschechischen Zentrums Wien)Ausstellung 4D-Schmuck (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Tschechischen Zentrums Wien) Herr Krafl, das Tschechische Zentrum in Wien hat für den September und Oktober einen Schwerpunkt auf Design gelegt. Bereits seit vergangener Woche gibt es dazu direkt bei Ihnen im Haus eine Ausstellung. Diese nennt sich 4D-Schmuck. 3D kennt man, aber was ist denn bitteschön mit der vierten Dimension gemeint?

„Was die vierte Dimension sein könnte, dazu braucht es Phantasie. Hier ist damit vor allem gemeint, dass hinter dem Projekt vier Damen – Designerinnen - stehen, daher 4D: Alena Hesounová, Lucie Houdková, Karla Olšáková und Kateřina Řezáčová. Sie schaffen innovative Objekte, die sowohl am menschlichen Körper zum Ausdruck kommen, als auch frei im Raum. Die fragilen, fast immateriellen Formen verblüffen durch ihre Energie, strahlen Poetik und weibliche Zartheit aus. Mit diesem Projekt beteiligen wir uns in diesem Jahr auch an der Langen Nacht der Museen, sie findet am Samstag, 5. Oktober statt. Dazu veranstalten wir einen Workshop unter Anleitung der jungen Designerinnen. Die TeilnehmerInnen können ihre Eigenkreationen dann mit nach Hause nehmen. Das ist aber natürlich nicht alles zum Schwerpunkt Design. Denn wir sind auch wieder bei der Vienna Design Week dabei, diese geht vom 27. September bis zum 6. Oktober über die Bühne. Das Tschechische Zentrum unterstützt dabei die Prager Galerie Krehký und ihr Projekt ‚Krehký New Biedermeier’. Dabei geht es um Festliches im alltäglichen Kontext, also Porzellan, Glas, Möbel, Schmuck und Mode. Designed wurden die Stücke von Nastasja Aleiniková, Michala Tomišková, Hana Zárubová, Maxim Velčovský, Gabriel Vach und Michal Bačák.“

Zdenka Hartmann-Procházková am Tag des Kaffees (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Wien)Zdenka Hartmann-Procházková am Tag des Kaffees (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Wien) Tag des Kaffees nennt sich eine Veranstaltung am 1. Oktober. Dabei geht es aber nicht in erster Linie um das Getränk, sondern viel mehr um Literatur gerade in der einzigartigen Atmosphäre Wiener Kaffeehäuser. Gelesen wird auch aus dem Werk zweier tschechischer Autoren. Um welche Schriftsteller und welche Texte handelt es sich, und wo findet die Lesung statt?

„Die Tschechische Republik ist in diesem Jahr bei der Literaturnacht in den Wiener Kaffeehäusern mit Texten des Nobelpreisträgers Jaroslav Seifert sowie von Ludvík Aškenazy vertreten. Zdenka Hartmann-Procházková, die schon im vergangenen Jahr mit ihrer sehr lebendigen Lesung und ihrem schauspielerischem Können das Publikum des Cafés Schwarzenberg begeistert hat, liest auch in diesem Jahr in demselben Café, und zwar aus dem ‚Nächtlichen Divertimento’ und der ‚Kleinen Nachtmusik’ der beiden tschechischen Literaturgrößen. Wir veranstalten den Abend zusammen mit der schweizerischen Botschaft, Zdenka Hartmann-Procházková wird deswegen auch aus dem Buch ‚Aus den Fugen’ des Schweizer Gegenwartsautors Alain Claude Sulzer lesen. Der Themenschwerpunkt der Textauswahl lautet in diesem Jahr ‚Musik und Literatur’. Die Lesung im Café Schwarzenberg am 1. Oktober beginnt um 20 Uhr.“

Diese Lesung findet ja im Rahmen eines sogenannten Eunic-Projektes statt. Was ist denn Eunic?

„Eunic ist die Vereinigung europäischer Kulturinstitute mit Sitz in Brüssel. Und Eunic hat in den europäischen Städten sogenannte Cluster, in Wien sind daran 20 Kulturinstitute beteiligt, unter ihnen natürlich auch das Tschechische Zentrum. In diesem Jahr steht der Beginn des Oktobers in Wien erneut im Zeichen europäischer Veranstaltungen, weil wir bereits zum zweiten Mal eine Eunic-Woche organisieren. Und gerade im Rahmen diese Eunic-Woche findet die Literaturnacht in den Kaffeehäusern statt. Aber das ist nicht das einzige: Das zweite Großprojekt dieser Woche heißt ’Europäische Orte in Wien’. Die Idee dabei ist, auf europäischen Spuren durch Wien zu wandeln.“

‚Haus ohne Augenbrauen’ (Foto: Gryffindor, Wikimedia CC BY-SA 3.0)‚Haus ohne Augenbrauen’ (Foto: Gryffindor, Wikimedia CC BY-SA 3.0) Was ist von tschechischer Seite aus geplant?

„Bei zwei Spaziergängen mit professionellen Stadtführern werden Orte erkundet, die zu ausgewählten EU-Ländern Bezug haben. Und wir haben das Loos-Haus ausgewählt. Dieses Haus wurde von dem aus Brünn stammenden Architekten Adolf Loos am Michaelerplatz im ersten Wiener Bezirk gebaut. Das Gebäude wurde dadurch bekannt, dass es keine Fenstersimse hat. Deswegen galt es als Bauskandal und erhielt den Spitznamen ‚Haus ohne Augenbrauen’. Dieses Gebäude hat jedoch eine besondere Bedeutung für die architektonische Moderne.“

‚Einsame Abende der Dora N.’ (Foto: Tschechisches Fernsehen)‚Einsame Abende der Dora N.’ (Foto: Tschechisches Fernsehen) Und dann haben Sie in Wien im Oktober noch eine Veranstaltung, an der eine Kollegin von mir beteiligt ist. Milena Štráfeldová aus der tschechischen Redaktion von Radio Prag ist nämlich auch Schriftstellerin. Sie hat einen Einakter über die unglückliche Tochter der großen tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová geschrieben. Und dieses Stück wird am 9. Oktober in Wien aufgeführt. Vielleicht können Sie ein paar Worte dazu sagen...

„Das Theaterstück heißt ‚Einsame Abende der Dora N.’ und ist ein Monodrama über die Tochter von Božena Němcová, die mit vollem Namen Theodora Wilhelma Rozálie Němcová hieß. Sie lebte von 1841 bis 1920 und war das dritte von vier Kindern der Schriftstellerin. In dem Theaterstück blättert die Tochter, 50 Jahre nach dem Tod Božena Němcovás, in den Briefen ihrer Mutter. Gespielt wird Dora von Marta Sovová. Die einzigartige szenische Collage von Briefen, Notizen und Werksauszügen der großen Literatin wurde von Regisseur Adam Skala inszeniert. Wir rücken damit zum Herbstauftakt einen Klassiker des tschechischen Kulturkanons in den Mittelpunkt. Die übrigens in Wien geborene Božena Němcová gilt als herausragende Persönlichkeit der tschechischen Literatur und Begründerin der tschechischen Prosa. Neben diesem Theaterstück werden wir auch den Film ‚Die Großmutter’ - Babička – aus dem Jahr 1971 zeigen. ‚Die Großmutter’ ist Němcovás Hauptwerk, auf Tschechisch wurde es bis heute in rund 350 Auflagen herausgegeben, zudem wurde es in 70 Weltsprachen übersetzt.“

‚Einsame Abende der Dora N.’‚Einsame Abende der Dora N.’ Das Theaterstück ist allerdings auf Tschechisch...

„Ja, es ist auf Tschechisch und wird zusammen mit dem Kulturklub der Tschechen und Slowaken in Österreich veranstaltet.“

Gibt es eine Simultanübersetzung?

„Nein, diesmal nicht. Wir geben so den Studentinnen und Studenten der Bohemistik beziehungsweise der tschechischen Sprache eine besondere Gelegenheit, die Veranstaltung zu besuchen.“