Nachtasyl und Künstlerhaus – die Zufluchtsorte zweier tschechischer Emigranten in Wien

Der Begriff Emigrantenkunst führt in die Irre. Er reduziert unterschiedlichste Künstler auf eine Gemeinsamkeit, nämlich die Ausreise aus dem Heimatland. Angesichts der bevorstehenden Veranstaltungen im Tschechischen Zentrum in Wien ist man dennoch versucht, ihn anzuwenden. Im Dezember steht dort zum einen der Liedermacher Karel Kryl, zum anderen der bildende Künstler Otakar Slavík im Mittelpunkt. Beide waren Gegner des sozialistischen Regimes in der Tschechoslowakei, beide hatten eine besondere Beziehung zur österreichischen Hauptstadt. Mehr dazu nun im Gespräch mit dem Leiter des Tschechischen Zentrums in Wien, Martin Krafl.

Karel Kryl (Foto: Jiří Sláma, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Karel Kryl (Foto: Jiří Sláma, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Herr Krafl, im tschechischen Zentrum Wien steht am Freitag eine ganz besondere Veranstaltung auf dem Programm. Es wird ein Buch vorgestellt über Karel Kryl. Der Liedermacher emigrierte 1969 nach München. Wie kam es denn zur Idee das Buch ausgerechnet in Wien vorzustellen?

„Karel Kryl war natürlich eine bedeutende Persönlichkeit unter den Dissidenten. Ich würde sagen, gerade in Wien gab es ein Zentrum der tschechischen Dissidenten, das Nachtasyl. Es wurde 1987 von Jiří Chmel als Treffpunkt für tschechische und slowakische Emigranten und Dissidenten gegründet. Noch im gleichen Jahr ist hier Karel Kryl aufgetreten, und so kamen wir auf die Idee gemeinsam mit dem Nachtasyl das Buch in Wien vorzustellen.“

Ivana Denčevová (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Ivana Denčevová (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Anlässlich der Buchvorstellung kann man diesen Auftritt aus den 1980er Jahren noch einmal zu sehen bekommen...

„Genau, 1987 wurde sein Auftritt im Nachtasyl aufgenommen, und wir werden die Aufzeichnung dieses Live-Auftritts in Ausschnitten zeigen.“

Die Herausgeber und Autoren des Buches sind Ivana Denčevová, eine Redakteurin des tschechischen Rundfunks, und der Historiker Michal Stehlík, sie werden dann am Freitag Auszüge aus dem Buch lesen. Können Sie uns vielleicht schon ein wenig mehr über den Inhalt des Buches verraten?

Dáša Vokatá (Foto: Ben Skála, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Dáša Vokatá (Foto: Ben Skála, Wikimedia CC BY-SA 3.0) „In dem Buch findet man zum Beispiel Interviews mit Freunden und Bekannten von Karel Kryl, wie Miloš Zapletal, Jiří Černý, dem Ehepaar Rakušan, Dáša Vokatá, Stanislav Gílan oder Vojtěch Klimt, dem Vorsitzenden des Karel-Kryl-Klubs. Das Bild von Karel Kryls Persönlichkeit wird von zwei Texten vervollständigt. Das ist einerseits ein Text von Tereza Pavlíčková mit dem Titel ‚Karel Kryl im Visier des Staatssicherheitsdienstes‘, zum zweiten sind es Gedanken über Karel Kryls dichterisches Schaffen vom Musikpublizisten Jan Petřiček.“

Ich würde gerne nochmal zum Nachtasyl zurückkommen. Was hat der Club denn heute für eine Bedeutung? Treffen sich dort immer noch Tschechen, die in Wien leben?

Foto: Tschechisches FernsehenFoto: Tschechisches Fernsehen „Eigentlich nicht nur Tschechen, sondern auch Österreicher. Jiří Chmel hat es geschafft, dass das Nachtasyl bis heute vor allem Künstler und Intellektuelle sowie die alternative Jugendszene anzieht. Kürzlich hat zum Beispiel der Wiener Schriftsteller Josef Haslinger in einer eigenen Filmdokumentation den Club gewürdigt. Das Nachtasyl ist also auch heute sehr populär, obwohl es kein Dissidententreffpunkt mehr ist. Es gehört auf jeden Fall zu den besten Lokalen für die alternative Jugendszene.“

Nachtasyl (Foto: Tschechisches Fernsehen)Nachtasyl (Foto: Tschechisches Fernsehen) Für das Tschechische Zentrum ist das ja ein idealer Kooperationspartner.

„Für uns ist es auf jeden Fall ein Partner, mit dem man sehr gut auch das jüngere Publikum erreichen kann. Darum unterstützt das Tschechische Zentrum in Wien auch Konzerte mit tschechischen Künstlern in diesem Club.“

Neben Karel Kryl steht bald noch ein weiterer tschechischer Emigrant und Dissident bei Ihnen im Mittelpunkt. Er heißt Otakar Slavík und war Maler. Könnten Sie uns seine Person ein bisschen näher vorstellen?

„Otakar Slavík war in Österreich sehr bekannt. Er war seit 1981 Mitglied des Künstlerhauses Wien. Slavík ist 1980 in die österreichische Hauptstadt gekommen. Er emigrierte nachdem er die Charta 77 unterzeichnet hatte. Otakar Slavík hatte Einfluss auf die tschechische bildende Kunst in den 1960er Jahren, und deshalb war er auch in Wien sehr anerkannt. Er gehörte auch zu denjenigen, die die goldene Medaille des Künstlerhauses Wien erhalten haben, und zwar 1987.“

Auch die Ausstellung von Otakar Slavík, die sie nun zeigen, steht in enger Beziehung zum Künstlerhaus Wien.

„Genau. Wir zeigen im Tschechischen Zentrum in Wien erstmals eine Ausstellung mit seinen Aktstudien. Anlass ist der 5. Todestag von Otakar Slavík. Die Zeichnungen sind in den Jahren 1986 bis 1993 im Rahmen des Aktzeichnens für Mitglieder des Künstlerhauses entstanden.“

Das war eigentlich ein Kurs für Laien. Welche Werke hat denn der etablierte Künstler Otakar Slavík dort geschaffen, wie hat er das Aktzeichnen interpretiert?

„Die Zeichnungen, die wir zeigen sind in Ölpastell, Acryl-, und Mischtechnik. Es sind keine anatomischen Studien, sondern in erster Linie künstlerische Auseinandersetzungen mit der menschlichen Figur. Die Figur als das zentrale Thema von Otakar Slavík oder der Übergang von einer Bewegung zur anderen charakterisieren die Erfahrung des menschlichen Körpers, seiner Einsamkeit und seiner inneren Spannungen. Obwohl die Aktmalerei heute ziemlich an Bedeutung verloren hat und als überholt gilt, stellte sich Otakar Slavík mit seinen Zeichnungen der Herausforderung unterschiedlicher künstlerischer Fragen, zum Beispiel nach der Körperlichkeit. Er begab sich auf die Suche nach neuen und innovativen Ausdrucksformen.“

Aktzeichnung von Otakar Slavík (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Wien)Aktzeichnung von Otakar Slavík (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Wien) Es ist also die erste Ausstellung von Otakar Slavíks Aktzeichnungen. War es denn auch im Allgemeinen um sein Werk in den letzten Jahren ruhig, und wer hat ihn nun quasi für Wien wiederentdeckt?

„Otakar Slavík Werk wurde in den letzten Jahren mehrmals in Tschechien gezeigt. Die Ausstellungen werden von seiner Witwe Dunja Slavík kuratiert. Die Akte, die wir zeigen, waren bei ihr zuhause und bei einem Gespräch vor zwei Jahren. Als wir uns vor zwei Jahren zu einem Gespräch getroffen haben, hat sie mir gesagt, dass die Aktzeichnungen noch nie gezeigt wurden. Für das Tschechische Zentrum Wien ist es eine große Ehre, dass wir sie nun in unserer Wiener Galerie in der Herrengasse zeigen dürfen.“

Gibt es denn auch Pläne die Zeichnungen danach auf die Reise zu schicken und zum Beispiel auch in Tschechien zu zeigen?

„Auf jeden Fall, aber diese Frage muss man eigentlich Dunja Slavík stellen. Ich lade alle herzlich zu der Vernissage am 11. Dezember um 19 Uhr ein. Dann wird die Kuratorin auch vor Ort sein und vielleicht kann sie auch diese Frage beantworten.“

Tschechisches Zentrum Wien (Foto: GuentherZ, Public Domain)Tschechisches Zentrum Wien (Foto: GuentherZ, Public Domain) Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Krafl, und auch für die Zusammenarbeit das Jahr über. Wir hören uns dann 2015 wieder.

„Ich freue mich, und ich wünsche Ihnen sowie allen Zuhörern und Zuhörerinnen ein glückliches neues Jahr und vor allem Frohe Weihnachten.“

Mehr Informationen über diese und weitere Veranstaltungen gibt es im Internet unter: http://wien.czechcentres.cz