Ein verhülltes Hochhaus, Musik in der Pfarrei und Denkmalpflege in Tschechien

Auch im Hochsommer können Freunde der tschechischen Kultur verschiedene Ausstellungen und Veranstaltungen besuchen. Von Architektur und Kunst in Wien, über musikalischen Hörgenuss in Wurz, bis hin zu Denkmalpflegeprojekten in München. Ein Überblick.

Wiener Ringturm mit dem Werk „Sorgenfrei“ (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums)Wiener Ringturm mit dem Werk „Sorgenfrei“ (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums) Das weite Meer und Wien passen nicht zusammen? Diesen Sommer schon. Denn wie jedes Jahr wird der Wiener Ringturm mit einem Kunstwerk verhüllt. So blickt den Menschen gegenwärtig vom höchsten Gebäude der Wiener Innenstadt das Werk „Sorgenfrei“ entgegen. Auf dem Bild des tschechischen Malers Ivan Exner ist ein Junge zu sehen, der einen Drachen steigen lässt und auf das weite Meer hinausblickt.

Bereits seit 2006 wird regelmäßig der Ringturm mit Kunstwerken verziert. Wie es dazu kam, erklärt Dr. Günter Geyer, Generaldirektor des Wiener Städtischen Versicherungsvereins. Dieser Verein hat seinen Hauptsitz im Ringturm:

Ivan Exner (Foto: Miroslav Krupička)Ivan Exner (Foto: Miroslav Krupička) „Der Künstler Christian Ludwig Attersee kam zu mir und hat gesagt, er möchte ein großes künstlerisches Projekt mit ein paar Tausend Quadratmeter Fläche gestalten. Irgendwie habe ich spontan gesagt: Dieses Gebäude, das im Zentrum Wiens das höchste Gebäude ist und als Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg gilt, hat zirka 4500 Quadratmeter Außenfläche, vielleicht kann man da was machen. Attersee war sofort begeistert.“

Inzwischen wird jährlich der Fokus auf die angrenzenden Staaten gelegt, in diesem Jahr Tschechien und der Künstler Ivan Exner. Das Werk „Sorgenfrei“ beschäftigt sich mit Wachstum, der Horizont steht für unerreichbare Weite. Der Junge hingegen blickt sorglos und neugierig auf das weite Meer hinaus.

Thomas Drozda (Foto: Archiv SPÖ Presse und Kommunikation, CC BY-SA 2.0)Thomas Drozda (Foto: Archiv SPÖ Presse und Kommunikation, CC BY-SA 2.0) Der neu verhüllte Ringturm wurde am 24. Juni erstmals präsentiert. Mit dabei der tschechische Premier Bohuslav Sobotka und der österreichische Bundesminister für Kunst und Kultur, Thomas Drozda.

Doch auch im Inneren des Turmes gibt es etwas zu entdecken, besonders für Freunde der Architektur, nämlich die Ausstellung „Die Prager Burg und Plečnik“.

„Architekt Plečnik hat in Wien und in anderen Ländern der Habsburger Monarchie sehr wichtige architektonische Schritte gesetzt – ganz besonders, was die Prager Burg betrifft. Wenn ich das so sagen darf, ist es eine Art Modernisierung, eine Art Öffnung, eine Art Durchlüftung der Burg, die ja aus der Zeit der Monarchie stammt und auch Sitz der Habsburger war. Diese wurde damals im Sinne einer Demokratieüberlegung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.“

Von Gartenanlagen bis hin zu den Einrichtungsgegenständen hat Plečnik das Symbol der Monarchie in eine neue Instanz verwandelt. Die Prager Burg wurde zum Sitz des ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk. Die Ausstellung kann man noch bis zum 23. September besuchen.

Tschechische Musiker spielen in der Oberpfalz

Rita Kielhorn (Foto: Archiv der Wurzer Sommerkonzerte)Rita Kielhorn (Foto: Archiv der Wurzer Sommerkonzerte) Jedes Jahr finden in der Oberpfalz die Wurzer Sommerkonzerte statt. Jedes Jahr treten dort auch Künstler aus der Tschechischen Republik auf. Rita Kielhorn ist die Organisatorin und Gründerin der Sommerkonzerte. Mit ihr nun ein kleines Interview.

Frau Kielhorn, Sie haben 1988 die Wurzer Sommerkonzerte nahe der deutsch-tschechischen Grenze gegründet. Zu Wurz hatten Sie aber schon lange vorher eine Verbindung. Wie ist es dazu gekommen, und was ist die Idee hinter dieser Konzertreihe?

„Nach dem Bau der Berliner Mauer suchten wir eine Bleibe für den Sommer in Bayern. Und da fiel uns der Wurzer Pfarrhof auf, der schon über ein Jahr leer stand und den niemand aus der Gegend haben wollte. Ich habe mich sofort in dieses alte Gemäuer verliebt: mit der bröckelnden Fassade, den knarrenden Toren, den verrosteten Schlössern. Ich hatte gleich den Gedanken: Daraus müsste man was machen. Vielleicht eine Galerie und Musik. Und so entstand die Idee von Open-Air-Konzerten. Aber das ist mehr oder weniger ein politischer Ansatz gewesen, über die Musik eine Brücke zu schlagen in das durch den Eisernen Vorhang geteilte Europa und die geteilte Welt.“

Martinů Quartett (Foto: Archiv der Wurzer Sommerkonzerte)Martinů Quartett (Foto: Archiv der Wurzer Sommerkonzerte) Wir schreiben nun das Jahr 2016, die Wurzer Sommerkonzerte finden zum 29. Mal statt. Worauf liegt dieses Jahr thematisch der Fokus?

„Es ist ja der tschechische Musiksommer in Wurz und damit auch ein wesentliches Thema in diesem Jahr. So werden drei Konzerte bedeutender tschechischer Ensembles zu Gehör gebracht: Das Prager Bläseroktett, das Martinů Quartett und das Prager Mozart Trio. Interessant ist: Das Prager Bläseroktett eröffnet die Konzertsaison unter anderem mit Werken von Joseph Triebensee, der ein Hauptarrangeur der im 18. Jahrhundert beliebten Harmoniemusik war. Dafür eignet sich ein Open-Air-Konzert, wie wir es in Wurz haben, besonders gut.“

Prague Wind Oktett (Foto: Archiv der Wurzer Sommerkonzerte)Prague Wind Oktett (Foto: Archiv der Wurzer Sommerkonzerte) Es gibt noch einen zeitgenössischen Komponisten, ebenfalls aus Tschechien: Martin Hybler…

„Das ist ein sehr junger Komponist, geboren 1977. Hybler hat ein Werk geschaffen für ein Bläseroktett: ‚Geistesumnachtung‘. Dort geht er von gesellschaftlichen Betrachtungen aus. Ich habe es leider noch nicht gehört, aber ich bin gespannt. Hybler weist auf den Prozess der zunehmenden Verdummung hin, die dann in einem Pseudo-Happyend und in einem leeren Konsumrausch endet.“

Es gibt aber über die musikalische Seite hinaus diesmal eine Ausstellung im Pfarrhof, weil dieses Jahr der 700. Geburtstag von Karl IV. gefeiert wird. Was passiert in diesem Pfarrhof?

Maria Hammerich-Maier (Foto: Martina Schneibergová)Maria Hammerich-Maier (Foto: Martina Schneibergová) „Meine Verbindung und Bindung nach Tschechien sind intensiv. Und so ist mir per Zufall eine Bekanntschaft mit Frau Maria Hammerich-Maier zu Hilfe gekommen, die eine Ausstellung organisiert hat: Prager Motive in Fotos und Poesie. Frau Hammerich-Maier ist Lyrikerin, zeigt aber Fotografien von Stanislav Tůma in der Galerie des Wurzer Pfarrhofs. Das beginnt schon einen Tag vor der Eröffnung der Konzertsaison am Freitag, 29. Juli, um 16 Uhr. Die thematische Ausrichtung ist auf Prag und Böhmen, aber insbesondere auch verbunden mit dem 700. Geburtstag von Karl IV., dem böhmischen König und römisch-deutschen Kaiser.“

Das Ganze eröffnet am 30. Juli, einen Tag vorher schon die Ausstellung im Pfarrhof. Die gesamte Konzertreihe geht bis zum 4. September.

Grenzübergreifende Zusammenarbeit bei tschechischer Denkmalpflege

Zuzana Finger (Foto: Archiv von Zuzana Finger)Zuzana Finger (Foto: Archiv von Zuzana Finger) „Meine Heimat im Wandel“ heißt eine Ausstellung, die man gegenwärtig im Sudetendeutschen Haus im München besuchen kann. Dabei geht es um grenzübergreifende Denkmalpflegeprojekte in der Tschechischen Republik. Zuzana Finger ist Heimatpflegerin der Sudetendeutschen:

„Es sind 20 Ausstellungstafeln mit 20 Denkmalpflegeprojekten. Diese Ausstellung ist ein Teil einer viel größeren Ausstellung, die durch die Tschechische Republik wandert und vom Verein Entente Florale CZ schon zum achten Mal organisiert wurde.“

Insgesamt sind es 119 Ausstellungstafeln mit Bezug zu Denkmalpflege, die durch Tschechien wandern. Die in München gezeigten Projekte und die dortige Ausstellung wurden vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert.

Sudetendeutsches Haus in München (Foto: Mattes, Wikimedia CC BY 2.0 DE)Sudetendeutsches Haus in München (Foto: Mattes, Wikimedia CC BY 2.0 DE) „Es gibt immer ein Foto von vorher und ein Foto von danach. Einige Fotos sehen so aus, dass man sich sagt: Das müssen sehr mutige Menschen gewesen sein, die dort ans Werk gegangen sind.“

Sowohl Sudetendeutsche als auch Tschechen haben sich gemeinschaftlich den Objekten angenommen. Dabei handelt es sich um Kirchen und Kapellen, aber auch um eine Synagoge und einen Friedhof, sogar die Restaurierung einer Orgel wurde durch diese Zusammenarbeit ermöglicht.

Doch weiß Zuzana Finger auch, dass nach der abgeschlossenen Restaurierung die Arbeit nicht zu Ende ist.

Illustrationsfoto: Zdeňka KuchyňováIllustrationsfoto: Zdeňka Kuchyňová „In vielen Fällen stellt sich dann die Frage: Was passiert danach? Da gibt es dann die schöne renovierte Kapelle oder den schön renovierten Kreuzweg, aber diese Denkmäler leben ja nicht ohne die Menschen. Und in vielen Fällen haben es die Denkmalpfleger geschafft, dass in diesen Kirchen wieder etwas stattfindet.“

Die Ausstellung „meine Heimat im Wandel“ in München ist noch bis zum 30. September für Besucher geöffnet.

 

Informationen zu den Veranstaltungen sind hier zu finden:
www.wst-versicherungsverein.at/ringturmverhuellung-2016
www.wurzersommerkonzerte.de
www.sudetendeutsche-heimatpflege.de