Dokus, Synthie-Pop und ein dramatisches Schicksal

Viel Film gibt es in den kommenden Wochen bei den Veranstaltungen des Tschechischen Zentrums in Berlin. Außerdem klingen die Jubiläen von 2018 an: So jährt sich der Prager Frühling und dessen Niederschlagung zum 50. Mal. Mehr zum Programm des Zentrums im Interview mit seiner stellvertretenden Leiterin Christina Frankenberg.

Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums BerlinFoto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin Frau Frankenberg, an diesem Donnerstag eröffnet bei Ihnen eine Ausstellung. Dabei haben sich tschechische Künstler mit dem Thema Gesundheit auseinandergesetzt. Was erwartet den Besucher bei dieser Schau?

„Die Ausstellung wird hauptsächlich aus Videoarbeiten und einigen Installationen bestehen. Das Projekt ist zusammen mit der Jindřich-Chalupecký-Gesellschaft entstanden und wurde von Tereza Jindrová kuratiert. Die Ausstellung befasst sich inhaltlich mit den Themen Gesundheit, Heilen und gesunde Lebensweise. Die tschechischen Künstler setzen sich dabei unterschiedlich mit den Themen auseinander, es werden auch negative Aspekte, wie das zwanghafte Streben nach Gesundheit, aufgegriffen. Die Ausstellung wird am 22. Februar eröffnet und läuft bis zum 12. April. Zur Eröffnungsfeier kommen die Kuratorin Tereza Jindrová und einige Künstler wie Johana Střížková, Jakub Jansa, Pavel Příkaský oder Jana Doležalová. Zusätzlich ist Martin Kohout, der Gewinner des Jindřich-Chalupecký-Preises 2017, mit einem Videoprojekt vertreten.“

Im Februar gibt es auch noch einen sehr interessanten Doku-Montag. Es geht dort um eine wahre bulgarisch-tschechische Geschichte, die sich um den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei rankt. Vielleicht können Sie ein bisschen was dazu schon erzählen?

„In der Tschechoslowakei konnten die Geschwister ein Freiheitsgefühl miterleben, das sie aus Bulgarien nicht kannten.“

„Die Regisseurin dieses Dokumentarfilms ist die bulgarische Filmemacherin Albena Mihaylova. Sie kam im Jahre 1968 mit ihrer Familie in die Tschechoslowakei. Ihr Vater hatte einen hohen Posten bei der bulgarischen Eisenbahn, zusammen mit seiner Familie wurde er nach Prag delegiert. Die Familie führte ein sehr abgeschottetes Leben, dennoch haben Albena und ihr Bruder Stilyan viele Freundschaften knüpfen können. In der Tschechoslowakei konnten sie ein Freiheitsgefühl miterleben, das sie aus Bulgarien nicht kannten, denn erst einige Monate nach dem Einmarsch der Truppen wurde die Liberalisierung im Land komplett gestoppt. Die Geschichte dieser bulgarischen Familie nahm jedoch ein unerwartet tragisches Ende. Der Bruder nahm sich nach der Rückkehr nach Bulgarien das Leben. Die Familie selbst sprach jedoch fast nie über den Verlust. Die Regisseurin Albena Mihaylova hat es nun geschafft, ihre Mutter vor der Kamera zum Reden zu bringen. Es freut mich sehr, dass Albena nach Berlin kommt, um mit den Zuschauern über ihre Familiengeschichte, ihre Erinnerungen und ihren Film zu sprechen.“

Zagami Jericho (Foto: Jiří Šeda, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Zagami Jericho (Foto: Jiří Šeda, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Und das Ganze steht natürlich in dem Zusammenhang, dass sich dieses Jahr zum 50. Mal der Prager Frühling und seine Niederschlagung durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen jähren…

„Ja, und wir werden das Thema dieses Jahr immer wieder in unserem Programm aufgreifen.“

Zur Musik: Am 9. März stellt sich in der Wilhelmstraße die Sängerin Zagami Jericho vor. Wer verbirgt sich hinter diesem Künstlernamen?

„Es handelt sich hierbei um die erst 18-jährige Sängerin Lenka Šimůnková. Sie ist die Gewinnerin des Czeching-Wettbewerbs des tschechischen Radiosenders Wave. Lenka möchte in unserem Zentrum ihre Musik vorstellen. Das ist diesmal kein übliches Konzert aus der Reihe Wilhelmstr/[un]plugged, sondern läuft unter dem neuen Namen Wilhelmstr/electronic. Zagami Jerichos Musik bewegt sich zwischen Synthie-Wave und Art-Pop. Ihr erstes Album ‚City Is My Church‘ war recht melancholisch. Das neue Album ‚Toxikomania‘ ist hingegen viel aggressiver. Zagami Jericho wird von der Künstlerin Dmitrievna unterstützt.“

Ein weiterer Doku-Montag, nämlich am 12. März, dreht sich um Ausländer in Brno / Brünn. Aber nicht nur. Was für ein Film ist es, den Sie da zeigen?

„Die Regisseure porträtieren die internationale Community in Brünn.“

„Der Name des Films lautet ‚CZizinci/MYgranti‘. Die Schreibweise des Begriffes MYgranti wurde absichtlich ausgewählt, denn sie bedeutet gleichzeitig ‚Wir Migranten‘. Der Film wurde vom Portugiesen António Pedro Nobre und dem Italiener Emanuele Ruggiero gedreht, die beide in Brünn zu Hause sind. Sie porträtieren die internationale Community der Stadt in Südmähren. Dazu haben sie zum Beispiel einen Professor aus Kanada, einen Illusionisten aus Spanien, einen Musiker aus dem Iran oder einen Kongolese, der lange vor 1989 ins Land gekommen ist, interviewt. Diese Schicksale verbinden die beiden Regisseure mit den Schicksalen von Tschechen, die nach dem Einmarsch der Warschauer-Truppen 1968 gezwungen waren, die Tschechoslowakei zu verlassen. Sie alle berichten in der Filmdoku über ihr ungewöhnliches Leben.“

Film ‚CZizincII/MYgranti‘Film ‚CZizincII/MYgranti‘ Film ist auch das Stichwort für eine weitere Veranstaltung, die wir gerne vorstellen wollen. Denn im Mittelpunkt stehen der Regisseur Pavel Juráček und sein dramatisches Schicksal. Wer war dies?

„Pavel Juráček war damals ein sehr bekannter junger Regisseur, der bis 1968 eine glänzende Zukunft zu haben schien. Er war Filmregisseur und Drehbuchautor der Neuen Welle im tschechoslowakischen Film. Zudem war er als Ideengeber an Filmen von Věra Chytilová beteiligt. Für seine eigenen Regiearbeiten ist er bei den internationalen Filmfestivals in Oberhausen und Mannheim ausgezeichnet worden. Pavel Juráček drehte zum Beispiel die Geschichte ‚Postava k podpírání‘ und den Film ‚Ein Fall für einen Henkerlehrling‘, der von Jonathan Swift inspiriert ist. Der Regisseur war einer derjenigen, die sich nach dem Niederschlag des Prager Frühlings nicht von seinen Ideen distanziert hat. Deshalb wurde er von der tschechischen Geheimpolizei gejagt. Zudem musste er ins Münchner Exil, wo ihm die Möglichkeit verwehrt wurde, einen weiteren Film zu drehen. Erst kurz vor seinem Lebensende hatte er noch einmal die Gelegenheit zu einem Film. Es war aber nur ein Lehrfilm für Straßenbahnkontrolleure. Pavel Juráček stab im Frühjahr 1989. Am 20. März findet im Tschechischen Zentrum eine Lesung seiner Texte statt, denn Pavel Juráček hat auch Prosa geschrieben. Bei der Veranstaltung werden wir Pavel Hájek von der Václav-Havel-Bibliothek in Prag zu Gast haben. Er ist Herausgeber der Texte.“