Böhmisches und Allzuböhmisches in München

Biografien von vertriebenen Deutschen und weitere Bücher, Filme und bildende Kunst – ein Gespräch mit dem Leiter des Tschechischen Zentrums in München, Ondřej Černý.

Foto: Aschendorff VerlagFoto: Aschendorff Verlag Herr Černý, an diesem Donnerstag ist viel los in Bezug auf die tschechische Kultur in Bayern. Im Tschechischen Zentrum München präsentiert die Germanistin Kateřina Kovačková ihr neues Buch mit dem Titel „Böhmisches. Allzuböhmisches? Verwischte Lebensbilder aus dem Südwesten“. Worum geht es darin?

„Dieses Buch hält in Form von 19 persönlich erzählten Geschichten die Schicksale von Deutschen fest, die nach dem Zweiten Weltkrieg Tschechien verlassen mussten und im Südwesten Deutschlands ihre neue Heimat gesucht und vielleicht auch gefunden haben. Es geht um die Schicksale von Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Das Buch ist das Resultat eines dreijährigen Projekts der Ackermann-Gemeinde und erscheint zum 70. Gründungsjubiläum des Vereins.“

In Bayern werden an diesem Donnerstag außerdem zwei tschechische Filme gezeigt. In der Pasinger Fabrik in München läuft der preisgekrönte Film „Alois Nebel“ und in Regensburg bei der sogenannten Herbstlese die Dokumentation „Töten auf Tschechisch“. Vor allem dieser Film erinnert an die Massenmorde an deutschen Zivilisten in Tschechien nach dem zweiten Weltkrieg. Und im Anschluss daran findet ein Gespräch mit dem Regisseur statt.

‚Alois Nebel‘ (Foto: Presque lune)‚Alois Nebel‘ (Foto: Presque lune) „‚Alois Nebel‘ läuft in Deutschland mittlerweile ziemlich oft. Es ist für uns wichtig, den Film wieder auch in München zu zeigen, und zwar im Rahmen der Ausstellung ‚Neulich im Momentenland‘. Der Film ist von der künstlerischen Seite her ganz einzigartig: die Schwarz-Weiß-Projektion entstand durch ein Überzeichnen einer ursprünglich gespielten Handlung mithilfe der Rotoskopie-Technik. Und zudem ist sehr wichtig, wie in dem Film all die Geister und Schatten aus der Vergangenheit Mitteleuropas gezeigt werden. Die Dokumentation ‚Töten auf Tschechisch‘ ist wiederum ein Versuch, sich mit der Gewalt auseinanderzusetzen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausbrach.“

In Regensburg wird an diesem Donnerstag auch eine Ausstellung eines tschechischen Künstlers eröffnet, nämlich Jakub Nepraš. In welchem Bereich der bildenden Kunst ist Jakub Nepraš tätig? Was zeigt seine Ausstellung „Adaptation in Superoganism“?

Ausstellung „Adaptation in Superorganism“ (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums München)Ausstellung „Adaptation in Superorganism“ (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums München) „Jakub Nepraš ist eine der international bekanntesten Persönlichkeiten der zeitgenössischen tschechischen Kunst. Seine Bildstrukturen bestehen aus faszinierenden Animationen und Videoskulpturen, die im abgedunkelten Raum schweben und ihn zugleich mit Geräuschen füllen. Bei seinen Objekten meint man einmal, durch ein Mikroskop zu blicken, ein anderes Mal hat man das Gefühl, einen fremden Planeten in der Ferne zu beobachten. Doch die Kunstwerke von Jakub Nepraš sind nicht nur eine formale Sache, sondern sie sind voll von tiefsinnigen Gedanken. Die Welt ist für ihn ein Superorganismus.“

„Unerkannt durch Deutschland“ heißen die Reiseerzählungen von Jaroslav Durych, die in diesem Monat im Tschechischen Zentrum vorgestellt werden. Dieser war ein renommierter tschechischer Autor der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den 1920er Jahren begab er sich auf Reisen nach Deutschland. Wohin konkret reiste der Schriftsteller und was führte ihn dorthin?

Foto: Quintus VerlagFoto: Quintus Verlag „Durych war nicht besonders reiselustig, aber diese Reise war für ihn wichtig. Anlass dafür war sein Vorhaben, einen Roman über Wallenstein, also den böhmischen Adligen und legendären Feldherrn im Dreißigjährigen Krieg, zu schreiben. Er reiste nach Stralsund, Magdeburg und Lützen, einst Schauplätze dieses Krieges, sowie als Zwischenstationen in die Großstädte Berlin, Leipzig und Dresden.“

Wie würden Sie seine Reportagen charakterisieren?

„Durychs Reiseberichte sind mit Ironie und Selbstironie geschrieben. Es ist eine amüsante Lektüre. Es ist etwas anderes, als das, was wir sonst von Durych kennen. Die deutsche Übersetzung von der Bohemistin und Literaturwissenschaftlerin Birgit Krehl ist 2016 im Quintus-Verlag erschienen.“

Zum Schluss noch ein weiterer Buch-Tipp: Der Sprachwissenschaftler Martin Bermeister präsentiert am 7. Dezember im Tschechischen Zentrum seine Studie, in der er die Rhetorik von Ex-Präsident Václav Havel erforscht. Welche Reden von Havel stehen im Fokus der Studie? Welche neuen Erkenntnisse legt das Buch vor?

„Havel ist ein sehr gutes Objekt für die Forschung, weil er rund 300 zumeist programmatische Reden gehalten hat, allesamt Glanzstücke zeitgenössischer politischer Rhetorik. Bermeister versucht, diese Reden von einem neuen Blickwinkel aus zu betrachten und die Kombination von Politik und Ethik in Havels Reden zu finden.“