Berlin: Unruhiger Traum, Šumperk-Haus und Echo des Prager Frühlings

Dass tschechische Kunst und Kultur mit einigem Nachwuchs gesegnet sind, das lässt sich in den kommenden Wochen in Berlin feststellen. So kommt etwa eine junge Schriftstellerin ins dortige Tschechische Zentrum, aber auch eine aufstrebende bildende Künstlerin. Über diese und weitere Veranstaltungen nun mehr im Interview mit Christina Frankenberg, der stellvertretenden Leiterin des Zentrums.

Adéla Součková: Rotator (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)Adéla Součková: Rotator (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin) Frau Frankenberg, gleich an diesem Donnerstag wird um 19 Uhr im Tschechischen Zentrum eine Ausstellung eröffnet, und zwar von der Künstlerin Adéla Součková. Der Titel lautet „Von einer Erde, die aus einem unruhigen Traum erwacht“. Was ist da zu sehen, und wer ist die Künstlerin?

„Diese Ausstellung beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen der digitalen Gegenwart und alten mythologischen Vorstellungen. Der Künstlerin geht es dabei um Ökologie und Umweltschutz. Zentraler Punkt in unserer Galerie wird ein Video sein, in dem die Geschichte der Erde erzählt wird – wie sie aus einem unruhigen Traum erwacht und dann des heutigen Zustandes gewahr wird. Das Thema des Videoessays ist zudem mit Objekten, Bildern und Textildrucken illustriert. Adéla Součková ist eine junge Künstlerin, von der man in der Zukunft ganz bestimmt noch hören wird. Sie lebt zwischen Berlin und Prag, hat in Dresden und Prag studiert. Daher kommt ihre Verbundenheit mit beiden Ländern, weswegen sie auch für diese Ausstellung ausgesucht wurde. Die Ausstellung ist bis 15. Juni zu sehen – es ist die erste in einer ganzen Reihe weiterer, die wir zusammen mit der Jindřích-Chalupecký-Gesellschaft veranstalten wollen, um junge tschechische Künstler im Ausland vorzustellen.“

Im Mai läuft eine Veranstaltung nicht in Berlin. Es ist das Neiße-Film-Festival in Zittau beziehungsweise im Dreiländereck. Vielleicht können Sie in Kürze das Wichtigste dazu sagen…

„Das Filmfestival besteht seit 14 Jahren und wird von einem engagierten Team organisiert. Dieses Jahr läuft das Festival von 9. bis 14. Mai. Dabei sind Filme aus Polen, Deutschland und Tschechien zu sehen. Tschechische Filme sind dabei auch im Wettbewerb vertreten. Im Bereich Spielfilm ist das etwa die slowakisch-tschechische Koproduktion Špína, auf Deutsch ‚Dreck‘, von Tereza Nvotová. Zwei weitere Streifen waren bereits auf der Berlinale zu sehen, und zwar Pátá loď oder ‚Das fünfte Schiff‘ Iveta Grófová und ‚Masaryk‘ von Julius Ševčík. Interessant sind auch die Beiträge für den Wettbewerb Dokumentarfilm. Dort wird zum Beispiel der Normální autistický film, der ‚Normale autistische Film‘ von Miroslav Janek gezeigt. Dann hat das Festival dieses Jahr einen besonderen Schwerpunkt, der hängt mit dem Deutsch-Tschechischen Kulturfrühling zusammen. Es sind die beiden Reihen České panorama und ‚Deutsches Fenster‘, in denen sich noch einmal deutsche und tschechische Filme sowie Begleitprogramme dem Publikum im Dreiländereck vorstellen. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die Filme nicht nur in Zittau, Görlitz und Großhennersdorf zu sehen sind, sondern auch zum Beispiel in Liberec, Zgorzelec und weiteren Orten. Weitere Informationen gibt es auf den Webseiten www.neissefilmfestival.de.“

Šumperk House (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)Šumperk House (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin) Am 22. Mai geht es bei Ihnen um das sogenannte Šumperk House. Was ist das, und wie wird dieses Phänomen tschechischer Architektur bei Ihnen vorgestellt?

„Wir werden den Kunsthistoriker und Fotografen Tomáš Pospěch zu Gast haben. Er hat im vergangenen Jahr einen dicken Bildband herausgegeben, mit Fotografien dieser Šumperk-Häuser. Es handelt sich um den Typ eines Einfamilienhauses, der erstmals 1966 gebaut wurde und dann in Serie ging. Insgesamt sind über 5000 dieser Häuser in ganz Tschechien errichtet worden. Wer das Land etwas kennt, hat vielleicht schon eines davon gesehen. Es hat eine relativ mächtige, vorgezogene erste Etage, die dem Erdgeschoss vorgelagert ist. Und vorne zieht sich ein Balkon oder eine Loggia über die ganze Seite. Allerdings gleicht keines der Häuser dem anderen. Schon in der ersten Serie, die der Projektant Josef Váňa errichtet hat, gab es kleine Abweichungen. Tomáš Pospěch wird dieses Phänomen in einem Vortrag auf Englisch bei uns im Zentrum vorstellen.“

Tomáš Jamník (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Tomáš Jamník (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Mit dem Prager Frühling ist nicht nur die Reformbewegung von 1968 gemeint, sondern auch das wohl wichtigste Klassikfestival in der tschechischen Hauptstadt? Und genau dazu wird es in Berlin am 30. Mai musikalische Anklänge geben…

„Wer nicht nach Prag fahren kann oder dazu keine Zeit hat, der kann gerne zu uns ins Tschechische Zentrum kommen. Dort wird nämlich der junge Violoncellist Tomáš Jamník spielen, der zwar aus Prag stammt, aber mittlerweile in Berlin zu Hause ist. Er wird zusammen mit dem norwegischen Akkordeonspieler Frode Haltli auftreten. Dieser ist in seinem Land ein bekannter Musiker und hat sich nicht nur der Klassik verschrieben, sondern spielt zum Beispiel auch Jazz oder World Music und liebt Improvisationen. Tomáš Jamník war unter anderem an der Musikakademie von Karajan und ist zusammen mit den Berliner Philharmonikern aufgetreten. Für das Tschechische Zentrum haben diese beiden hervorragenden Künstler ein spannendes Programm zusammengestellt: Sie kombinieren zeitgenössische Musik mit alten Kompositionen, beispielsweise von Johann Sebastian Bach.“

Muss man vorher Karten kaufen, oder kann man einfach an dem Abend vorbeikommen?

Foto: Verlag HostFoto: Verlag Host „Der Eintritt bei uns ist frei, und alle sind ganz herzlich eingeladen zu kommen. Ich denke, dass unsere Galerie genügend Platz für alle Gäste bieten müsste.“

Wir kommen in den Juni. Da wird die Nachwuchsautorin Viktoria Hanišová in Berlin lesen. Vielleicht können Sie die Autorin etwas vorstellen…

„Viktoria Hanišová wird bei uns am 7. Juni ihren Debütroman ‚Anežka‘ vorstellen. Diese spannende Geschichte erzählt von einer Frau, Julie, die sich um alles in der Welt ein Kind wünscht, aber keines bekommen kann. Daher beschließt sie, halb legal ein Roma-Baby zu adoptieren. Sie gibt eigentlich weder vor sich, noch vor der Tochter und schon gar nicht vor der Umwelt zu, wie sie zu dem Baby gekommen ist. Julie erdenkt sich stattdessen eine Geschichte. Und so ist ihre Beziehung zu dem Kind von Anfang an auf einer Lüge aufgebaut. Man kann sich vorstellen, dass es in dieser Mutter-Tochter-Beziehung große Probleme geben wird. Auch eine andere tschechische Autorin – Tereza Boučková – hat sich schon sehr emotional mit der Adoption von Roma-Kindern auseinandergesetzt, auch weil sie damit die Geschichte ihrer eigenen Familie erzählt hat. Viktoria Hanišová hat einen etwas anderen Zugang zu dem Thema. Sie ist weniger emotional und versucht stärker zu analysieren. Ihr Debüt ist sehr spannend. Erwähnen sollte man vielleicht noch, dass Viktoria Hanišová auch Übersetzerin aus dem Deutschen ist und bei uns aus der deutschen Übersetzung lesen wird. Das Buch ist aber noch nicht komplett auf Deutsch erschienen, es handelt sich um eine Arbeitsübersetzung.“

Kateřina Rudčenková (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Kateřina Rudčenková (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Das ist das Stichwort, denn ich möchte gerne noch zu einem Übersetzungsworkshop überleiten. Der findet am 15. und 16. Juni statt, aber man muss sich rechtzeitig anmelden. Was sind die Bedingungen?

„Bei dem Workshop geht es um das zeitgenössische tschechische Drama und seine Übersetzung ins Deutsche. Es wird dazu Vorlesungen geben und einen praktischen Teil, bei dem man sich an einem Text der tschechischen Dramatikerin Kateřina Ručenková, und zwar Čas třešňového dýmu (Zeit des Kirschrauches, Anm. d. Red.), im Übersetzen ausprobieren kann. Der Workshop richtet sich vor allem an Studierende der Bohemistik an deutschen Universitäten, ist aber auch offen für tschechische Studierende, die sich gerade in Deutschland aufhalten. Bewerben sollte man sich bis zum 21. Mai. Die genauen Bedingungen finden sich auf unserer Homepage im Bereich ‚Aktuelles‘.“