Architektur, Literatur und tschechisch-deutsche Projekte

Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin

Das Frühjahrsprogramm am Tschechischen Zentrum in Berlin bietet eine ganze Menge zum Sehen und Hören. Alles Weitere zu den Veranstaltungen im Interview mit Christina Frankenberg, der stellvertretenden Leiterin des Zentrums.

„Haus der Wohnirrtümer“  (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)
Frau Frankenberg, beginnen möchte ich sozusagen mit dem Ende, denn am 12. April laden Sie zu einer Finissage ein – und zwar einer Ausstellung, über die wir beim letzten Mal schon gesprochen haben. Es geht um Dominik Langs „Haus der Wohnirrtümer“. Was ist zum Abschluss der Ausstellung geplant?

„Die Ausstellung wird eigentlich schon am Samstag, 9. April, enden. Wir haben aber Dominik Lang überzeugen können, noch einmal nach Berlin zu kommen. Er wird am 12. April bei dieser Extra-Finissage in Berlin anwesend sein, geplant sind ein Gespräch mit ihm über sein Werk und mit der Kuratorin der Ausstellung, Bettina Klein, über den Künstler Dominik Lang. Zudem wird es noch einmal die Gelegenheit geben, die Ausstellung in der Galerie des Tschechischen Zentrums anzuschauen und außerdem viel zu erfahren über andere Projekte und Ausstellungen von Dominik Lang.“

Tomáš Jelínek  (Foto: ČT24)
Ein weiterer Termin bei Ihnen im Zentrum – nur zwei Tage später – wendet sich nicht so sehr an das breite Publikum, sondern an alle, die tschechisch-deutsche Projekte planen. Tomáš Jelínek, der Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds wird bei Ihnen zu Gast sein.

„Genau, am 14. April, um 18 Uhr, freuen wir uns sehr, dass wir wieder Tomáš Jelínek – den Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds – hier empfangen können. Wir hatten ihn schon einmal im letzten Jahr zu Gast und er hat über wichtige Projekte im deutsch-tschechischen Kulturaustausch informiert. Das wird er auch in diesem Jahr wieder tun. Alle diejenigen, die planen, Anträge beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds einzureichen, werden die Möglichkeit haben, im Anschluss an die kurze Präsentation ihre Fragen direkt mit Tomáš Jelínek zu besprechen. Die Veranstaltung richtet sich wirklich eher an die Fachöffentlichkeit beziehungsweise an all jene, die Projekte beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds beantragen möchten. Auf diese Weise sparen sie sich den Weg nach Prag und können stattdessen Tomáš Jelínek gleich bei uns treffen. Zu dieser Veranstaltung bitten wir um eine Voranmeldung, diese sollte bis zum 12.April an unsere allgemeine E-Mail-Adresse eingegangen sein. Das kann man aber auf der Homepage noch einmal genau nachlesen.“

Warenhaus Kotva
In genau zwei Wochen startet nach Dominik Lang eine weitere Ausstellung über Architektur bei Ihnen. Sie heißt „Einkaufen in der Moderne“. Worum geht es da?

„Diese Ausstellung, die der tschechische Architekturhistoriker Petr Klíma kuratiert, beschäftigt sich mit tschechischen Kaufhäusern, die in den 60er und 70er Jahren überall in der damaligen Tschechoslowakei entstanden sind. In Tschechien wurde das Projekt schon mehrere Male gezeigt, dort lief es unter dem Titel ‚Kotvy Máje‘. Dieser tschechische Titel nimmt Bezug auf zwei der großen Warenhäuser in Prag – auf das Kotva und auf das Máj. Mit diesem tschechischen Titel konnten wir für das deutsche Publikum nicht spielen, deshalb haben wir einen neuen Titel gefunden. Die Ausstellung wird aber vom Prinzip her die gleichen Projekte vorstellen, wie es die tschechische Ausstellung getan hat. Wir werden verschiedenste Kaufhäuser aus ganz unterschiedlichen tschechischen Städten und Regionen zeigen. Es werden Kaufhäuser in der Ausstellung zu sehen sein, oder es wird an diese erinnert, die es gar nicht mehr gibt, wie zum Beispiel das ehemalige Kaufhaus in Liberec, das ja abgerissen worden ist. Es werden aber auch Kaufhäuser vorgestellt, die niemals gebaut worden sind. Da werden wir die Pläne zeigen können. Diese Ausstellung gibt einen schönen Überblick darüber, wie modern die tschechische Kaufhausarchitektur der 1960er und 1970er Jahre war.“

Martin Becker  (Foto: Frieda Müde,  CC BY-SA 3.0)
Am 27. April gibt es einen tschechisch-deutschen Literaturabend mit Jaroslav Rudis und Martin Becker. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie diese Veranstaltung ins Programm aufgenommen haben?

„Beide Autoren, sowohl Jaroslav Rudiš als auch Martin Becker, haben gerade jetzt beziehungsweise vor kurzem ein neues Buch herausgegeben. Beide Bücher haben einen Bezug zu Prag. Die Autoren sind auch miteinander befreundet und sind jetzt das erste Mal mit einer ähnlichen Veranstaltung zusammen auf der Leipziger Buchmesse aufgetreten. Diese gemeinsame Lesung war so dynamisch, unterhaltsam und solch ein gelungener Abend, dass wir beschlossen haben, beide Autoren auch nach Berlin zu holen. Jaroslav Rudiš wird hier die deutsche Übersetzung seiner Novelle ‚Nationalstraße‘ vorstellen. In diesem Buch geht es um einen Außenseiter aus einer Prager Plattenbausiedlung, der in den 90er Jahren nach der Wende nicht so recht den Anschluss an die neuen Entwicklungen in der Gesellschaft gefunden hat. Er ist eigentlich ein eher unsympathischer Held, der sich durch das Leben prügelt. Andererseits ist er auch eine ganz widersprüchliche Figur, die auch sehr viel liest und sehr an Geschichte interessiert ist. Ganz andere Geschichten – aber zum Teil eben auch aus Prag – erzählt der deutsche Autor Martin Becker, der jetzt die neue ‚Gebrauchsanweisung für Tschechien und Prag‘ herausgegeben hat. In diesem Buch berichtet er auf eine sehr unterhaltsame und persönliche Art von seinen Erlebnissen in Tschechien und von seinem Zugang zu Tschechien und der Tschechischen Sprache. Beide Autoren werden etwas aus ihren Büchern lesen und sich auch gegenseitig moderieren. Ich freue mich schon sehr auf einen unterhaltsamen und dynamischen Abend.“

Jaromír 99 mit seinem neuesten Comic über Zátopek  (Foto: ČT24)
Im Mai dann wird Jaromír Švejdik alias Jaromír 99 seinen neuesten Comic vorstellen, man würde vielleicht von einer Graphic Novel sprechen. Darin geht es um die tschechische Lauflegende Emil Zátopek, der einmal gesagt hat: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“.

„Jaromír 99 hat zusammen mit Jan Novák jetzt gerade im Leipziger Verlag Voland & Quist diese Graphic Novel veröffentlicht. Das ist also auch ein ganz neuer Band. Es geht in diesem Buch um die Lauflegende Emil Zátopek, der bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki es geschafft hat, drei Goldmedaillen zu gewinnen. Emil Zátopek wird in dieser Novelle nicht nur als Läufer vorgestellt, sondern auch als politischer Mensch. Wahrscheinlich wissen gar nicht so viele Hörer, dass sich Zátopek damals geweigert hat, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, weil man dem Mittelstreckenläufer Stanislav Jungwirth die Teilnahme an Olympia versagt hat. Sein Vater saß wegen antikommunistischer Umtriebe im Gefängnis. Zátopek hat die tschechischen Machthaber damals dazu gebracht, Stanislav Jungwirth dann doch für Olympia zu nominieren. Für Zátopek und Jungwirth ist dann extra eine Maschine nach Helsinki gestartet. Und genau diese eher politische Geschichte erzählt der Comic. Diese Graphic Novel ist also zum einen interessant, weil sie die politische Figur Zátopeks darstellt. Vielleicht haben die Hörer davon gehört, dass Zátopek sich 1968 auch für den Prager Frühling engagiert hat. Und als sich nach 1968 der tschechische Student Jan Palach selbst verbrannt hat, ergriff er aus Protest gegen die Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten für Palach und seine Mutter Partei. Das hat er auch öffentlich getan. Zum anderen erscheint mir die Graphic Novel sehr interessant, weil es ein weiteres Buch ist, das tschechische Sportler in einem politischen Kontext zeigt. Vielleicht haben die Hörer auch schon davon gehört oder erinnern sich an das Buch von Josef Haslinger – einem österreichischen Autor. Er hat in seinem Roman ‚Jáchymov‘ über die tschechoslowakische Eishockeymannschaft in den 1950er Jahren geschrieben und eben auch die Verknüpfung von Sport, Politik und Ideologie gezeigt.“

Autor: Till Janzer
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