1945, 1968, 1989 – Jahre des historischen Umbruchs in Fotografie und Literatur

Die Samtene Revolution jährt sich bald zum 25. Mal – an dieses Thema erinnern auch die Kulturinstitute im Ausland. Eine Ausstellung im Tschechischen Zentrum in Wien kontrastiert Fotografien von 1989 mit Aufnahmen aus den Jahren 1968 und 1945. Außerdem begibt sich Radka Denemarková mit ihrem Vertreibungsroman „Ein herrlicher Flecken Erde“ auf Lesereise durch Österreich. Mehr zu diesen und weiteren Programmpunkten erfahren Sie nun von Martin Krafl, dem Leiter des Tschechischen Zentrums in Wien. Annette Kraus hat mit ihm gesprochen.

1968 (Foto: Václav Toužimský, Quelle: Tschechische Zentren)1968 (Foto: Václav Toužimský, Quelle: Tschechische Zentren) Herr Krafl, der November nähert sich, und in Tschechien wird bereits mit Ausstellungen, Konferenzen und Kulturveranstaltungen an die Samtene Revolution von 1989 erinnert. Was hat sich das Tschechische Zentrum in Wien zu diesem Thema überlegt?

„Für uns ist es eine Ehre, dass wir uns wieder mit einem Projekt am größten österreichischen Fotoevent beteiligen können. Gezeigt wird Dana Kyndrovás Wanderausstellung, die im August dieses Jahres im Tschechischen Zentrum in Prag zu sehen war. Die Kuratorin, die selbst als Fotografin tätig ist, konzentriert sich auf Dokumentaraufnahmen renommierter tschechischer Fotografen, die sich mit zwei bedeutenden politischen Umbrüchen der jüngeren Geschichte des Landes befassen: mit dem August 1968 und der Samtenen Revolution 1989. Gezeigt werden unter anderem Werke von Karel Cudlín, Michal Novotný, Jan Šibík, Václav Toužimský und Jiří Všetečka. Die Fotoausstellung, an der Dana Kyndrová drei Jahre lang gearbeitet hat, wurde um Fotografien von der Befreiung durch die Sowjetische Armee 1945 ergänzt. Die Ausstellung wurde bereits in den Räumen der Galerie Mánes in Prag und im Deutschen Bundestag gezeigt.“

Foto: Braumüller VerlagFoto: Braumüller Verlag Wie lange wird sie in Wien zu sehen sein?

„Die Ausstellung wird am 5. November eröffnet und bleibt bis zum 6. Dezember in der Galerie des Tschechischen Zentrums in der Herrengasse.“

Außerdem steht der Herbst im Tschechischen Zentrum im Zeichen der Literatur. Auf welche Lesungen und Autoren können sich die Besucher denn in der nächsten Zeit freuen?

„Genau wie letztes Jahr sind wir wieder bei wichtigen Literaturevents vertreten, und zwar bei der ‚Buch Wien‘ und beim Festival ‚Tagebuchtag‘. Auf dem Programm stehen literarische Abende in Wien, Graz und Klagenfurt sowie ein Messestand und Lesungen auf der ‚Buch Wien‘, der Wiener Buchmesse, die Mitte November stattfindet. Wir haben zwei starke Erzählerinnen nach Österreich eingeladen: die dreifache Magnesia-Litera-Gewinnerin Radka Denemarková und die Neuentdeckung Bianca Bellová, deren zweites Werk ‚Toter Mann‘ kürzlich erst im Braumüller-Verlag Wien erschienen ist. Dieser österreichische Verlag bemüht sich hierzulande intensiv um die Verbreitung der tschechischen Literatur. Bianca Bellová hat sich als neue faszinierende Stimme der tschechischen Erzähltradition etabliert. Im September wird sie übrigens als Writer-in-Residence im Unabhängigen Literaturhaus Niederösterreich in Krems zu Gast sein. Ihre Kollegin, die namhafte Autorin und Übersetzerin Radka Denemarková, schildert in dem Buch ‚Ein herrlicher Flecken Erde‘ eine exemplarische Geschichte von Verfolgung, Vertreibung und Kampf um Gerechtigkeit im 20. Jahrhundert. Besonders stolz sind wir, dass wir wieder unserem Auftrag nachkommen, auch in den Bundesländern, also außerhalb der österreichischen Hauptstadt präsent zu sein. Neben Graz, wo wir regelmäßig tschechische Literatur präsentieren, gibt es nun erstmals eine Kooperation mit dem Robert-Musil-Literaturmuseum in Klagenfurt, in der Hauptstadt des südlichen Bundeslandes Kärnten. Es handelt sich um die Stadt, in der auch der berühmte Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen wird.“

Dietmar Grieser (Foto: Archiv von Dietmar Grieser, Wikimedia CC0 1.0)Dietmar Grieser (Foto: Archiv von Dietmar Grieser, Wikimedia CC0 1.0) Sie haben erwähnt, dass Sie sich dieses Jahr am Tagebuchtag beteiligen. Was ist das eigentlich, der Tagebuchtag?

„Der Tagebuchtag ist ein Festival, das in ganz Österreich literarische Abende mit Autoren ausrichtet, die sich mit dem Thema Tagebuch beschäftigen oder aber in ihrem Leben Tagebücher geschrieben haben. Beim Tagebuchtag 2014 in Wien wird Dietmar Grieser Auszüge aus dem Roman ‚Die böhmische Großmutter - Reisen in ein fernes nahes Land‘ lesen. Der jüngst für sein Lebenswerk mit dem Großen Ehrenzeichen und Kulturpreis Artis Bohemia Amici ausgezeichnete Bestsellerautor ist die diesjährige Hauptfigur des österreichweiten Tagebuchevents. Im Mittelpunkt seiner kulturhistorischen Beobachtungen stehen in all seinen Werken die europäische Kulturgeschichte und österreichische Persönlichkeiten. Ganz bedeutend ist dabei die Brücke, die er in seinen Reportagen zu Nachbarländern wie Tschechien und der Slowakei und vor allem deren Kulturerbe schlägt.“

Das heißt, Dietmar Grieser war in den genannten Ländern unterwegs und wird seine Beobachtungen zum Vortrag bringen?

„Genau. Das Buch 'Die böhmische Großmutter' ist ein Bestseller, der sich hauptsächlich mit Tschechien beschäftigt.“

Es ist aber kein Tagebuch...

„Es ist kein Tagebuch, aber es ist ein Buch, das durch Griesers Reisen nach Tschechien entstanden ist. Dabei hat er Aufzeichnungen gemacht, man könnte es also doch als eine Form von Tagebuch bezeichnen.“

In ihrem Literaturprogramm im November findet sich auch ein österreichischer Autor mit tschechischen Wurzeln...

Stanislav Struhar (Foto: Vilém Faltýnek)Stanislav Struhar (Foto: Vilém Faltýnek) „Er heißt Stanislav Struhar und lebt in Wien. Er wird in der Donau-Lounge der Buchmesse ‚Buch Wien‘ einen Dialog mit Sylvia Treudl aus dem Literaturhaus Krems führen und seine Erzählung ‚Fremde Frauen‘ vorstellen. Dieser Roman ist eigentlich eine Auseinandersetzung mit den Themen Identitätsverlust und Identitätsgewinn, Sprachwechsel und Anpassung. Wir stellen das Buch im Rahmen des Schwerpunkts 25 Jahre Samtene Revolution vor. Stanislav Struhar wurde 1964 in Zlín, damals Gottwaldov geboren. Er versagte sich dem Anpassungsdruck des tschechoslowakischen Regimes in den 1980ern Jahren und floh 1988 mit seiner Frau nach Österreich. Die Donau-Lounge, wo er auftritt, ist eine vom Collegium Hungaricum, dem ungarischen Kulturinstitut in Wien, initiierte Plattform, deren Ziel es ist, Gegenwartsliteratur aus den Donauländern auf Messen und weiteren internationalen Veranstaltungen vorzustellen. Das Tschechische Zentrum Wien ist bereits zum dritten Mal mit tschechischer Literatur dabei.“