Anno dazumal Hiroshima und Nagasaki – Tschechoslowakisches Fernsehen stimmte in Sowjetpropaganda ein
Anfang August 1945 legten die USA mit Atombomben die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche. Etwa 92.000 Menschen waren sofort tot. Weitere 130.000 starben in den Folgemonaten. Die schrecklichen Ereignisse sind bis heute nicht vergessen. Im August 1985, zu den runden 40. Jahrestagen der ersten und einzigen gezielten atomaren Angriffe auf Menschen, erfuhren die Gedenken besondere weltweite Aufmerksamkeit. Das Tschechoslowakische Staatsfernsehen widmete ihnen eine Reihe von Nachrichtenmeldungen.
Ruine der Handelskammer von Hiroshima (Foto: Frank Gualtieri / PD)
Die weltweite Trauer und Bestürzung über die unvorstellbar vielen Opfer
der amerikanischen Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki hatte
auch
40 Jahre danach kaum nachgelassen. Es herrschte der Kalte Krieg. Die USA
und die Sowjetunion lieferten sich ein atomares Wettrüsten, das die Welt
in Angst und Schrecken versetzte. Die vielen Opfer, die die Amerikaner in
Japan zu verantworten hatten, waren ein gelungener Anlass für die
sowjetische Propaganda. Das Tschechoslowakische Staatsfernsehen stimmte da
selbstverständlich ein.
„Mit einer Schweigeminute ehrten die Teilnehmer das Andenken an die
70.000 Todesopfer dieser überflüssigen Barbarei. Denn es ist bekannt,
dass es am 9. August 1945 in der ganzen Stadt Nagasaki keine einzige
militärische Einrichtung gab.“
Modell von der Uranbombe „Little Boy“ (Foto: U.S. National Archives)
So hieß es in der Berichterstattung über die Gedenken an den zweiten
Atombombenabwurf, auf die Industriestadt Nagasaki. Die Bestürzung in der
Stimme des Sprechers mag echt gewesen sein. Die Information war hingegen
falsch. Nagasaki war 1945 ein wichtiger Kriegshafen und Standort eines
großen japanischen Rüstungskonzerns. Das darf selbstverständlich keine
Rechtfertigung sein. In den Augen der
Welt lag auch 1985 noch das moralische Versagen auf amerikanischer Seite.
Die Propaganda des damaligen Ostblocks
wusste dies auszunutzen. In der Meldung über eine damals abgehaltene
Friedenskonferenz in Hiroshima holt das Tschechoslowakische Fernsehen auch
westliche Atomgegner ins Boot:
Atompilz über Nagasaki (Foto: USA / National Archives FAQ / PD)
„Einige der Delegierten, zum Beispiel der Bürgermeister der
australischen Stadt Sunshine, erinnerten an die außergewöhnliche
Bedeutung des Versprechens der Sowjetunion, dass sie keinen atomaren
Erstschlag durchführt, und das kürzlich ausgerufene sowjetische
Atomtest-Moratorium.“
Auch westdeutsche Gegner des damaligen Wettrüstens wusste die Propaganda zu instrumentalisieren.
„Unter dem Motto ‚Wir wollen Frieden und keinen Krieg!’ oder ‚Nie wieder Hiroshima!’ demonstrierten heute mehrere Hundert westdeutsche Friedensaktivisten vor der amerikanischen Militärbasis in Mutlangen, wo Atomraketen vom Typ Pershing 2 stationiert sind. Sie verlangen den Abzug der atomaren Angriffswaffen aus Deutschland. Auf Flugblättern, die sie auch den amerikanischen Soldaten gaben, wurde die Forderung bekräftigt, dass sich die Vereinigten Staaten dem sowjetischen Moratorium anschließen.“
Opfer der Bombe (Foto: U.S. National Archives)
Dass die Sowjetunion auf eigenem Territorium atomwaffenfähige
SS-20-Raketen stationiert hatte, wurde selbstverständlich nicht erwähnt.
Das angesprochene Atomtest-Moratorium hatte die Sowjetunion zwar
tatsächlich am 6. August 1985 ausgerufen, dem 40. Jahrestag des Abwurfs
auf Hiroshima. Es sollte jedoch nur bis zum Jahresende andauern. Immerhin.
Doch nicht einmal auf diese eher symbolische Geste gingen die USA ein. Auf
dem Testgelände in der Wüste von Nevada wurden im Dezember 1985 zwei
Atombomben gezündet. Die Sowjets standen dem US-amerikanischen Todfeind
allerdings weder vor noch nach Ablauf ihres kurzen Moratoriums kaum nach.
Darüber schwiegen die sowjetische Propaganda des Kalten Krieges und auch
das tschechoslowakische Staatsfernsehen.






