Anno dazumal Himmlische Ruh´ und Hölle auf Erden in den Straßen Prags

29-06-2010 | Christian Rühmkorf

Ende Juni 1899 berichtet das Prager Tagblatt vom Leichenzug des Kardinals Franziskus von Paula Schönborn. Dieser Leichenzug war nicht nur deshalb bemerkenswert, weil zigtausende Prager dem Adeligen das letzte Geleit gaben, sondern auch weil eine Massenpanik ausbrach mit vielen Verletzten. Die Art und die Ausführlichkeit der Reportage zeigen, wie anders der Journalismus und auch der „Datenschutz“ Ende des 19. Jahrhunderts noch aufgefasst wurde.

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Franziskus von Paula SchönbornFranziskus von Paula Schönborn Am 25. Juni 1899 verstarb der Prager Adelige Franziskus von Paula Schönborn und zwar in Falkenau an der Eger. Schönborn war Kardinal sowie Bischof von Budweis und Erzbischof von Prag. Beigesetzt wurde er in der Prager Kathedrale, dem Veitsdom. Weder sein Tod noch der Ort seiner ewigen Ruhe sind ungewöhnlich. Dennoch hat das Prager Tagblatt am 29. Juni 1899 in epischer Breite von der Überführung des Sarges von Falkenau nach Prag berichtet. Denn die „entseelte Hülle des verblichenen Oberhirten der Prager Erzdiözese“ – wie das Tagblatt schreibt - und der Reigen des europäischen Adels, der sich ein Stelldichein gab, lockte die Bevölkerung in Massen auf die Straße. Plötzlich jedoch brach eine ungeheure Panik aus.

„Ohne daß die meisten wussten, was eigentlich geschehen sei, entstand ein unbeschreibliches Chaos. Lärmend und schreiend, weinend und jammernd, fluchend, um sich schlagend stürzte die Menge auf die Fahrbahn und ergriff theils in der Richtung zur Ferdinandstraße, theils gegen den Pulverthurm zu die Flucht. Entsetzliche Szenen spielten sich auf den Trottoirs ab, wo die dicht gedrängte Menge sich kaum von der Stelle bewegen konnte.“

Straße Am Graben / Na Příkopě am Ende des 19. JahrhundertsStraße Am Graben / Na Příkopě am Ende des 19. Jahrhunderts Der Leichenzug schritt Am Graben entlang; auf Tschechisch heißt die Straße auch heute noch „Na Příkopě“ und liegt am unteren Ende des Wenzelsplatzes. Die Menschen standen auf Kisten und Fässern, um über die Menge hinweg einen Blick auf den blumengeschmückten Sarg zu werfen. Wie ein Dominoeffekt breitete sich die Panik im Gewühle aus.

„Bei dem wilden Durcheinanderdrängen wurden Kinder und Frauen zu Boden gestoßen und mit Füßen getreten. Die Panik pflanzte sich auf den Wenzelsplatz und in die Obstgasse fort. Da wurde der Ruf laut: ´Ein Pferd ist scheu geworden!´ und das Durcheinander wurde noch wilder, die Schmerzensschreie der Verletzten zahlreicher. Es schien zu einem förmlichen Kampfe der entsetzt Flüchtenden kommen zu wollen – da intonierte eine Capelle einen Trauermarsch.“

Veitsdom am Ende des 19. JahrhundertsVeitsdom am Ende des 19. Jahrhunderts Erst ganz allmählich begann sich die Panik zu legen, und es dauerte noch einige Zeit bis der Leichenzug seinen Weg fortsetzen konnte. Erst jetzt erfuhren die Menschen langsam die Ursache des Vorfalls: Das Pferd des Bürgergardisten Herrn Rotiš hatte sich aus dem Zug herausgelöst, war in Richtung Trottoir gestützt und in einen Spalier von Schulmädchen gelaufen. Das Prager Tagblatt veröffentlicht eine lange Liste von Verletzten und zwar mit allen Angaben, die heutzutage zu veröffentlichen unvorstellbar wäre:

„Schwer verletzt wurde die 12 Jahre alte Franziska Schilling aus der Zigeunergasse Nr. 158, welche zu Boden geschleudert und von vielen über sie hinweg stürmenden Menschen getreten wurde; der 75 Jahre alte Ausgedinger Johann Kula, der einen Bruch des linken Fußes erlitt. (Kula war nach Prag gekommen, um der Einkleidung seiner Tochter in einem Kloster beizuwohnen.); (…) die 14 Jahre alte Privatierstochter Rosa Stein aus der Rittergasse Nr. 30, (…) die 60 Jahre alte Drehorgelspielersgattin Anna Loula…“

Franziskus von Paula SchönbornFranziskus von Paula Schönborn Eine lange Liste von Verletzten schließt sich noch an. Und wie zur Bestätigung des Grauens, fügt der Bericht noch hinzu:

„Durch die angeführte Namensliste ist selbstverständlich die Zahl der Verletzten nicht erschöpft…“

Und so hatte – während die Prager die Hölle auf Erden erlebten – nur einer himmlische Ruh´: Der Kardinal Franziskus von Paula Schönborn.

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