Kultursalon Paul Leppin: Nikolotage im alten Prag
Sie haben es vielleicht in diesen Tagen in unserem Programm gehört: Der Prager deutsche Schriftsteller Paul Leppin (1878-1945) kehrt zurück. Pünktlich zu Leppins 130. Geburtstag im kommenden Jahr bereitet der Schweizer ssi-Verlag eine Gesamtausgabe der weit verstreuten und oft vergessenen Werke des Altprager Romantikers vor. Das Prag der Jahrhundertwende war Leppins Lebensthema, das er in späteren Jahren immer wieder mit Wehmut und Sehnsucht beschworen hat. Zum ersten Adventssonntag entführen wir Sie mit Paul Leppin in die „Nikolotage im alten Prag“.
Paul Leppin
"Niemand, der es einmal erblickte, wird jemals das Antlitz des alten
Prag vergessen. Es war von Runen und ehrwürdigen Falten durchfurcht, vom
Licht eines geheimnisvollen Lächelns umschimmert, spitzbübisch und
heilig, griesgrämig und schwärmerisch. Das aristokratische Profil seiner
Adelspaläste stieg nicht immer aus mystischen Hintergründen empor,
kleinbürgerliches Gewinkel gab ihm den Reiz. Behäbigkeit schmunzelte
unter zerbröckelten Giebeln und das Leben ging in geruhsamen Gassen seinen
vetrackten Gang. Besonders im Winter, wenn der Schnee die Dächer verwehte,
lendenschwache Kamine mit tragischen Hauben schmückte, boten Straßen und
Plätze das Bild traulicher Betulichkeit, altväterischer Grandezza."
"Der erste Feiertag der kalten Jahreszeit, der Stimmungszauber in Haus und Familie brachte, von Vorbereitungen, erwartungsvollem Geflüster, versteckter Freude begleitet wurde, war der 6. Dezember, der Tag des heiligen Nikolaus. Schon in der Woche vorher tauchten in Auslagefenstern, von Purpur und gelben Feuern magisch bestrahlt, kleine und große Papierteufel auf, Puppen mit brandgrellem Wams, Zinkengabel und höllisch gebleckter Flanellzunge…"
Paul Leppins Skizze „Nikolotage im alten Prag“ erschien erstmals vor 70 Jahren, am 4. Dezember 1927 in der Prager Presse. Zuletzt wurde sie von Dierk O. Hoffmann in dem Band „Paul Leppin – Alt-Prager Spaziergänge“ (Verlag Peter Selinka, 1990) herausgegeben.