Anno dazumal Dezember 1984: Nobelpreis in Literatur für Jaroslav Seifert
Wie immer am 10. Dezember fand auch im Jahr 1984 in Stockholm die feierliche Übergabe des Nobelpreises für Literatur durch den schwedischen König statt. Diesmal wurde er zum ersten Mal einem tschechischen Dichter verliehen - dem damals.83-jährigen Jaroslav Seifert. Ein großes Ereignis für die tschechische Kultur, für den damaligen tschechoslowakischen Staat hingegen eine unangenehme Angelegenheit.
Den Namen des neuen Nobelpreisträgers in Literatur verkündet die
Schwedische Akademie traditionsgemäß jeweils im Zeitraum von Anfang bis
Mitte Oktober. Dass 1984 der schon sechsmal zuvor nominierte und nach 1968
vom kommunistischen Regime aus der offiziellen Literatur verdrängte
Dichter, Jaroslav Seifert, mit diesem Preis gekürt wurde, war eine
riesengroße Überraschung. Für die Partei- und Staatsführung eine
höchst unangenehme. Seifert war nämlich unter anderem auch einer der
ersten Unterzeichner der Charta 77 gewesen. Dass die Tschechoslowakei ihren
ersten Nobelpreisträger in Literatur haben wird, war für das Parteiorgan
Rudé právo / Rotes Recht lediglich eine kurze Mitteilung wert. Am 12.
Oktober 1984 wurde im Blatt die Meldung der tschechischen
Nachrichtenagentur ČTK vom Vortag veröffentlicht:
„Stockholm/Prag: Nobelpreis für J.Seifert“:
„Nach Mitteilung von Presseagenturen aus Stockholm wurde am Donnerstag
der Nobelpreis für Literatur für das Jahr 1984 dem Nationalkünstler
Jaroslav Seifert zuerkannt. Jaroslav Seifert, der zurzeit im Krankenhaus
stationär behandelt wird, wurde aus Anlass dieser Ehrung vom Verdienten
Künstler Jan Pilař, Direktor des Verlags „Čs. spisovatel, im Namen des
Schriftstellerverbandes beglückwünscht.“
Der Gratulation schloss sich noch der Kulturminister Miroslav Klusák an und das war es. Außer ein paar Zeilen in wenigen Kulturrubriken herrschte Totenstille in den Medien. Nicht einmal Seiferts Foto durfte in Schaufenstern der Buchhandlungen ausgestellt werden.
Jaroslav Seifert lag damals schwer krank im Prager Uniklinikum am Karlsplatz. Sein Zimmer bewachten seit dem 12. Oktober 1984 zwei Polizisten in weißen Kitteln. Keine Gratulation kam auch vom damaligen Staatspräsidenten Gustáv Husák. Eine Gratulation kam aber vom künftigen Präsidenten:
Václav Havel
„Lieber Herr Seifert, als ich vor einer Weile die wunderbare Nachricht
erfahren habe, dass der diesjährige Nobelpreis für Literatur Ihnen
verliehen wird, hat mich eine derart große Euphorie überfallen, dass ich
mich sofort ans Schreiben machen musste. Ich gratuliere Ihnen aus meinem
ganzen Herzen. Ich glaube, dass sich alle Tschechen und Slowaken darüber
freuen werden. Endlich hat auch unsere Literatur diese höchste Ehrung
erfahren. Das haben wir Ihnen zu verdanken. Sie verdienen es von allen
lebenden Autoren zweifelsohne am meisten. Václav Havel, Prag den
11.10.1984.“
Jiřina Šiklová (Foto: Valentina Zemanová)
Über den Nobelpreis für Jaroslav Seifert freute sich aufrichtig auch die
Soziologin und damalige Dissidentin Jiřina Šiklová. In ihrem
Gratulationsbrief bekannte sie sich auch dazu, in ihrer Freude sei auch ein
Stück persönliche Genugtuung und Schadenfreude. Ihre Gefühle gingen auf
ein Erlebnis mit der Geheimpolizei zurück:
„Damals in der Garage in Stará Boleslav, als man die Manuskripte fand, die für den Transport ins Ausland vorbereitet waren, hat die Staatssicherheit auch etwas von Ihnen entdeckt und aus der beiligenden Korrespondenz erfahren, worum es geht. Außerdem hat man mich dazu befragt. Ich sagte, und das war sogar keine Lüge, dass die Sachen als Unterlagen für die Verleihung eines Nobelpreises dienen sollten. Der Oberleutnant Miroslav Uhlíř, mein Ermittlungsbeamter, hat zunächst nicht verstanden, wovon die Rede ist. Am nächsten Tag, wahrscheinlich schon nach einer Konsultation mit jemandem, teilte er mir mit: ‚Uns beide geht es nichts an, ob Sie einen Nobelpreis bekommen oder nicht, und auch wenn Sie gleich drei von diesen Preisen bekommen sollten, ändert dies nichts an der Tatsache der begangenen Straftat.’“ (Prag 12.10.1984)
Wie durch ein Wunder ist es einem Redakteur des Tschechoslowakischen
Rundfunks gelungen, am 12. Oktober 1984 eine Genehmigung für ein kurzes
Gespräch mit dem kranken Dichter im Krankenhaus zu bekommen. Auf die
Frage, mit welchen Gefühlen er die Nachricht über den Nobelpreis
entgegengenommen hatte, sagte Seifert:
„Ich war vor allem überrascht, versteht sich. Ich hatte es überhaupt nicht erwartet. Ich hatte natürlich große Freude. Wer würde sich nicht freuen?“
Und ob er in diesem Moment an eines seiner Gedichte zurückdenke?
„Ich denke an die Dichter, die diese Ehrung auch verdient hätten – Hora, Nezval, Halas und Holan.“
Jaroslav Seifert konnte am 10. Dezember 1984 den Nobelpreis nicht persönlich in Stockholm aus den Händen des schwedischen Königs übernehmen. Er war dort aber durch seine Kinder – den Sohn Jaroslav und die Tochter Jana – vertreten.