Panorama CZ Süße Geschichten: In Dobrovice entsteht ein Museum der Zuckerindustrie
Derzeit wird in den Tonnen- und Kreuzgewölben des ehemaligen Gutshofs im mittelböhmischen Dobrovice / Dobrowitz noch geschliffen, gehämmert und gebohrt. Doch schon neigen sich die Bauarbeiten dem Ende zu, die Installation der Ausstellungsobjekte beginnt. Jahrzehntelang hat der denkmalgeschützte Renaissancebau im Zentrum des 3000-Seelen-Städtchens Dobrovice einen Dornröschenschlaf geschlafen. Dann hat ihn ein Museumsprojekt zu neuem Leben erweckt. Die Stadtverwaltung von Dobrovice und die örtliche Zuckerfabrik errichten in dem Renaissancehof gemeinsam ein Museum. Es dokumentiert die Geschichte der für die Stadt so zentralen Rübenzucht, Zucker- und Spiritusindustrie und ist das erste und einzige seiner Art in Tschechien.
Der schlichte, doch durch seine Größe imposante Gutshof aus der Zeit der
Renaissance hat die Umrisse eines Vierkanthofs.
„In einem Trakt des Gebäudes hatte der Gutsverwalter seinen Sitz, ein anderer Trakt war ein großer Speicherboden für Getreide. Des Weiteren gab es hier Stallungen und eine Scheune“,
umreißt Ludmila Radková, die Museumsdirektorin, den Aufbau des Baukomplexes. Ein besonderes architektonisches Kleinod sei der Speicherboden, führt Jakub Hradiský aus, der Pressesprecher der örtlichen Zucker- und Ethanolfabrik TTD AG:
Renovierungsarbeiten auf dem Speicherboden
„Das wertvollste historische Bauelement des Gutshofs ist der
Speicherboden. Es handelt sich um den größten bis heute erhaltenen
Speicherboden aus der Renaissancezeit in ganz Tschechien. Bemerkenswert ist
vor allem der Dachstuhl. Er besteht ausschließlich aus Holz, es wurden
keinerlei Verbindungsmittel aus Metall eingesetzt. Und doch ist dieser
Dachstuhl mehr als 400 Jahre nach seinem Bau noch immer stabil.“
Ursprünglich diente der Gutshof zur Versorgung der Herren von Dobrovice
mit Lebensmitteln. Die Domäne Dobrovice gehörte nacheinander den
Adelsgeschlechtern der Waldsteins und Fürstenbergs, bevor sie am Beginn
des 19. Jahrhunderts den Thurn und Taxis zufiel. Die Thurn und Taxis, zu
Reichtum gekommen durch ihre kaiserliche Reichspost, bewiesen auch in
Dobrovice unternehmerische Initiative. Jakub Hradiský:
„Im Jahr 1831 ließ Fürst Karl Anselm von Thurn und Taxis einen Flügel des Renaissanceschlosses von Dobrovice abreißen. Er baute an seiner Stelle eine Zuckermanufaktur. Seit jener Zeit, also seit 178 Jahren, wird in Dobrovice ununterbrochen Zucker erzeugt. Karl Anselm von Thurn und Taxis holte Karl Weinrich von Wetzlar nach Dobrovice. Karl Weinrich war ein namhafter Fachmann der Zuckerherstellung. Man kann sagen, dass Fürst Taxis das Unternehmen finanzierte, während Karl Weinrich das technische Know-how einbrachte.“
Zuckerfabrik Dobrovice
Die Stadt Dobrovice rühmt sich, der älteste Standort mit einer
ununterbrochenen Tradition der Zuckerindustrie in ganz Tschechien zu sein.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Rübenzucht und Zuckererzeugung in
der Gegend von Dobrovice ein neuer Wirtschaftszweig. Man musste damit erst
Erfahrungen sammeln. Engpässe bei der Zuckerversorgung hatten es notwendig
gemacht, die Zuckergewinnung aus der Rübe voranzutreiben. Denn die
Napoleonischen Kriege mit ihren Wirtschaftsblockaden hatten die Alte Welt
zeitweilig von ihrer bis dahin vorherrschenden Quelle des Süßstoffs, dem
Zuckerrohr, abgeschnitten.
„Nicht nur in den böhmischen Ländern, sondern in weiten Teilen Europas herrschte Zuckerknappheit. Also begann man, Zuckerrüben zu züchten. Viele Gutsbesitzer bemühten sich, lokale Zuckermanufakturen zu gründen. Dieser Trend begann um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Und etwa um 1820 oder 1830 schossen dann unzählige neue Zuckermanufakturen aus dem Boden“,
Erntedankfest früher
so Museumsdirektorin Ludmila Radková. Die Gründung der Zuckermanufaktur
brachte auch für den Gutshof neue Aufgabenfelder mit sich. Er wurde nun in
die Zuckerproduktion eingebunden. Der Gutshof liegt direkt gegenüber vom
Schloss, und so wurden die Rüben hier nach der Ernte gelagert. Zu ihrer
Beförderung hinüber in die Fabrik wurden unter anderem Schwemmkanäle
verwendet, in denen die Rüben zugleich für die Verarbeitung gereinigt
wurden. Wie aber hat man sich den Zucker vorzustellen, der die Manufaktur
verließ?
„In den Anfängen unserer Zuckerfabrik hatte der Zucker eine andere Beschaffenheit als heute. Es wurden nur Rohzucker und ein dunkler Sirup hergestellt. Später dann presste man den Zucker in bestimmte Formen. Es gab Zuckerhüte und große Zuckerwürfel. Man nannte sie hier ‚Kuben’, und sie konnten mehrere Kilo schwer sein. Erst 1852 begann die Zuckerfabrik in Dobrovice dann, den Zucker zu raffinieren und jenen weißen Zucker zu erzeugen, den wir heute kennen“,
weiß Jakub Hradiský. Eine Bahn brechende Erfindung, die andernorts
gemacht wurde, fehlte in den ersten Jahrzehnten in Dobrovice. Sie fand
ihren Weg hierhin erst viel später: der mundgerechte Zuckerwürfel. Im
mährischen Dačice / Datschitz, ein paar hundert Kilometer südlich von
Dobrovice, hatte den Zuckerwürfel 1841 der gebürtige Schweizer Jacob
Christoph Rad erfunden. Rad war 1840 von Wien nach Dačice gekommen, um
hier die Leitung einer kleinen Zuckermanufaktur zu übernehmen. Um seine
Erfindung des Zuckerwürfels rankt sich ein Mythos. Rads Frau soll sich
einmal beim Abhauen von Stücken von einem der harten Zuckerhüte an der
Hand verletzt haben. Sie appellierte daraufhin an ihren Mann, sich doch
etwas einfallen zu lassen, damit der Zucker nicht mehr von Hand in den
Küchen zerkleinert werden musste. Rad und seine Mitarbeiter konstruierten
daraufhin die erste Zuckerwürfelpresse der Welt. Die Wiener Hofkanzlei
verlieh Rat auf fünf Jahre hinaus ein Patent. Ein paar Jahre lang wurde
nun in Dačice Würfelzucker hergestellt. Doch dann wurde die nicht
rentable Fabrik in Dačice geschlossen. Rads Erfindung geriet wieder in
Vergessenheit.
Modell einer Produktionseinlage von 1908
Auch diese Geschichte dokumentiert das Museum in Dobrovice. Seine
Konzeption ist breit gefasst, erklärt Ludmila Radková:
„Das Museum umfasst vier Abteilungen. Die erste Abteilung ist der Rübenzucht gewidmet, in der zweiten stellen wir die Technologie der Zuckerherstellung dar. Den dritten Teil bildet eine Ausstellung über das Brennen von Spiritus. Und schließlich zeigt das Museum auch die Geschichte der Stadt Dobrovice, und zwar bis zur frühesten Erwähnung des Ortes im 12. Jahrhundert zurück. Das Prunkstück der Ausstellung aber ist ein Modell einer Produktionsanlage aus dem Jahr 1908. Dieses Modell im Maßstab von 1:10 wurde damals für die böhmische Landesausstellung in Prag angefertigt.“
Im Frühjahr 2010 öffnet das Museum für Rübenzucht, Zucker- und Spiritusindustrie seine Pforten. Audioführer und gedruckte Informationsmaterialien sollen dann neben Tschechisch auch in westlichen Fremdsprachen für die Besucher bereitliegen. Das Museumsprojekt beruht auf einer Partnerschaft von Industrie und öffentlicher Hand. Es führt erhaltenswerte Bausubstanz einer neuen Nutzung zu. Gefallen fand es daher auch in Brüssel. Jakub Hradiský:
„Träger des Museumsprojekts ist eine gemeinnützige Organisation. In
dieser gemeinnützigen Organisation sind die Firma TTD AG und die Stadt
Dobrovice vereint. Finanziert wird das Museum zum größten Teil durch
europäische Fördermittel für Regionalentwicklung. Die Europäische Union
schießt rund 630.000 Euro zu den Kosten zu. Die restlichen Finanzmittel
stellt die Zucker- und Ethanolfabrik TTD AG bereit.“
Das Museum für Rübenzucht, Zucker- und Spiritusindustrie suche weit und breit Seinesgleichen. Es werde daher zahlreiche in- und ausländische Besucher anziehen, gibt man sich in Dobrovice zuversichtlich.
Fotos: TTD a. s.