Spezial Die Revolution kommt ins Rollen: Was geschah am 17. November 1989?
Der 17. November ist ein Feiertag und wie es Feiertagen so eigen ist, weiß man oft gar nicht, was eigentlich zu feiern ist, sondern freut sich vielmehr, mal mitten in der Woche einen Tag ausschlafen zu können. Aber diese Wissenslücke muss gestopft werden. Erfahren Sie deshalb nun von Sina Stach, was heute vor 20 Jahren in den Prager Straßen vor sich ging.
„Man braucht Kraft und Hoffnung, um weiter zu machen. Eines Tages wird das Leben besser sein. Die Wahrheit wird siegen,“
… singen die Demonstranten am 17. November 1989 auf dem Prager
Wenzelsplatz. Rund 15 000 Studenten haben sich zu einer Kundgebung in der
Prager Innenstadt versammelt. Der Grund: Es ist der 50. Jahrestag der
Schließung aller tschechischer Hochschulen durch die Nazis. Die Studenten
wollen daran gedenken und an den Tod des Studenten Jan Opletal am 11.
November 1939.
Doch nicht nur das. Ebenso wollen sie ihrem Ärger über das
kommunistische
Regime der damaligen Tschechoslowakei Luft machen und nutzten diese
Gelegenheit, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Die Studenten werden
damit in der Tschechoslowakei zur treibenden Kraft der Samtenen
Revolution.
Einer der Demonstranten steht vor der Wenzels-Statue. Er ruft zum gemeinsamen studentischen Widerstand auf. Seine Kommilitonen jubeln ihm zu und halten ihre Transparente hoch. Sie fordern eine freie Tschechoslowakei mit freien Bürgern, freien Wahlen und freier Meinungsäußerung. Sie wollen einen gesellschaftlichen Dialog und vor allem einen demokratischen Staat. Obwohl die Demonstranten friedlich sind – es werden Kerzen angezündet und Blumen verteilt, wird die schon sehr geschwächte Regierung scheinbar nervös. Dieser Aufmarsch kam für sie unerwartet, denn man hatte die Studenten als regimetreuer eingeschätzt. Die Reaktion der Kommunisten war eindeutig: Sie schickten Sicherheitskommandos, um die Kundgebung zu zerschlagen.
Doch dieser Befehl ist ein Eigentor. Das brutale Vorgehen der Polizei
verstärkt den Ärger nur noch. Das Pulverfass explodiert und es kommt zu
Massendemonstrationen im ganzen Land. Nun fordern sie alle Freiheit.
Mehr Freiheit und Demokratie wurde jedoch auch schon vor dem 17. November öffentlich gefordert. 1977 gründeten 200 Intellektuelle, Künstler und Theologen die Bürgerrechtsgruppe Charta77. In diesem Dokument riefen sie die Regierung dazu auf, die Einhaltung der Menschenrechte in der Tschechoslowakei zu gewährleisten. Einer der führenden Sprecher dieser Charta 77 wird nun auch zum Sprachrohr der Samtenen Revolution. Durch seine Redegewandtheit schafft er es die Massen zu begeistern und zu mobilisieren: Václav Havel.
„Ich begrüße alle hier auf dem Wenzelsplatz, aber auch alle, die heute nicht mit uns hier sein können und uns im Fernsehren sehen.“
Václav Havel auf dem Wenzels Platz
Vaclav Havel gründete am 19. November 1989 zusammen mit anderen
Oppositionsgruppen das Bürgerforum. Nun spricht er am 24. November zu den
Demonstranten auf dem Wenzelsplatz und fordert den Rücktritt der gesamten
Parteiführung, einschließlich des Parteichefs Jakeš. Diese Forderung
wurde verstanden – Jakeš tritt zurück. Daraufhin gewinnt alles an
Dynamik. Es gibt Generalstreiks in der ganzen Republik und Verhandlungen
zwischen dem Bürgerforum und der Regierung
Am 10. Dezember wird die Regierung zur nationalen Verständigung gebildet
und am 29. Dezember wählt das alte Parlament den Dissidenten Václav
Havel
zum Staatspräsidenten. 1990 kommt es dann zu den ersten freien Wahlen in
dem neuen demokratischen Staat, der dann nicht mehr Tschechoslowakei
heißt, sondern in Tschechische und Slowakische Föderative Republik
umbenannt wird.

