Kultursalon Jára-Cimrman-Theater von der Geheimpolizei unter Lupe genommen
Nun versetzen wir uns etwa 27 Jahre zurück. Auf der Bühne des Jára-Cimrman-Theaters wird ein Stück mit dem Titel „Lijavec“ gespielt. Anscheinend ist die alte Habsburger Monarchie mit ihrem Bespitzelungssystem auf dem Pranger. Im Publikum sitzt aber ein Agent der Staatssicherheit und ist clever genug, um zu verstehen, dass die Monarchie nur ein Deckmantel war, denn in Wahrheit richtete sich die Kritik natürlich gegen das kommunistische Regime in der damaligen ČSSR Einen Exkurs in die nicht weit entfernte Vergangenheit vermittelt Jitka Mládková:
„Die Jahre vergehen, die Zeit wird vieles heilen und mit dem neuen
Geschehen überdecken. Was aber bleibt sind die Resultate der heldenhaften
und aufopferungsvollen Arbeit des Volkes. Es bleibt das große Werk des
sozialistischen Aufbaus, geschaffen unter der Führung der Kommunistischen
Partei der Tschechoslowakei. Es bleibt hier die Partei, die die Nationen in
eine noch bessere Zukunft weiter führen wird.“
Ein Zitat aus dem fundamentalen Dokument „Schlussfolgerungen aus der
Krise“, mit dem die tschechoslowakischen Kommunisten im Dezember 1970
einen Startschuss zur nachfolgenden Entwicklung des Landes abgegeben haben.
Für die fast 30-jährige Zeitspanne hat sich die Partei das Wunschwort
„Normalisierung“ ausgedacht. Es war eine Anleitung für das weitere
Vorgehen, um nicht die Fehler zu wiederholen, die aus der Sicht der neuen
KPC-Führung im Jahr 1968 begangen wurden. Das Dokument sollte zugleich
auch die umfassenden politischen Säuberungen in der Gesellschaft
rechtfertigen, die seit 1969 auf Hochtouren liefen. Sein Inhalt war aber
auch für die Richtlinien der Geheimpolizei, StB,
ausschlaggebend. In die
bespitzelnde Obhut ihrer Agenten und inoffiziellen Mitarbeiter wurden auch
verschiedenste Kulturinstitutionen einbezogen. Eine ganze Reihe von ihnen
wurde verboten oder ausgewählte Mitarbeiter hatten Berufsverbot.
Eingeführt wurde eine strenge Zensur. Ihre Erfahrungen mit der StB haben
auch die Theatermacher Zdeněk Svěrák und Ladislav Smoljak in ihrem
Jára-Cimrman-Theater in Prag gemacht. Einige der 15 aus ihrer Feder
stammenden und inhaltlich eher harmlos wirkenden Stücke sind nämlich der
Aufmerksamkeit der StB nicht entgangen. Lassen wir uns jetzt in eine –
noch gar nicht so lange - zurückliegende Zeit versetzen.
Ladislav Smoljak (links) und Zdeněk Svěrák
Zdeněk Svěrák und Ladislav Smoljak haben sich gemeinsam mit ihrem rein
männlichen Ensemble ein fiktives Universalgenie des 19. Jahrhunderts
ausgedacht. In Cimrmans Curriculum gibt es unter anderem die folgende
Charakteristik zu lesen:
Einer der größten tschechischen Dramatiker, Dichter, Musiker, Lehrer, Weltreisenden, Philosophen, Erfinder, Kriminalisten und Sportler seiner Zeit.
Cimrmans Denkmal bei der Zughaltestelle Kaproun
Das tschechische Genie hat große Taten vollbracht. Hier nur einige von
ihnen:
„Jára Cimrman hat der US-amerikanischen Regierung sein Projekt für den
Bau des Panama-Kanals inklusive eines Librettos der gleichnamigen Oper
vorgelegt. In Galizien reformierte er das Schulwesen, konstruierte
gemeinsam mit Graf Zeppelin das erste Luftschiff mit fester Konstruktion
aus schwedischem Stahl und einer Gondel aus böhmischen Weidenruten. Als
Forscher war er mit dem Leben der Polarselbstfresser beschäftigt und auf
der Flucht vor dem ausgehungerten Stamm der Schmatzer hat Cimrman nur um
sieben Meter den Nordpol verfehlt. In Paraguay gründete er das
Puppentheater und in Wien eine kriminalistische Schule, eine Musikschule
und eine Balettschule. Uneigennützig hat er auch einer ganzen Reihe von
illustren Persönlichkeiten geholfen. Zum Beispiel dem Ehepaar Curie, dem
er Uranerz in insgesamt 45 Holzbütten auf dem Rücken bis in den Keller
brachte. Seinem Bekanntenkreis gehörten auch Edison, Eiffel, Tschechow und
viele andere Größen der Weltgeschichte an.“
Szene aus dem Stück „Lijavec“
Im Jahr 1982 hatte das Stück „Lijavec“(Regenguss) seine Premiere. Die
Handlung spielt irgendwann in der Zeit der Habsburger-Monarchie. Auf der
Bühne geht ein österreichischer Geheimpolizist namens Pihrt hin und her
und macht sich in einem Heft Notizen darüber, wie die Einwohner einer
kleinen Pension negativ über das Habsburger-Regime sprechen. Mit von der
Partie ist auch ein für Armenhäuser zuständige Inspektor, der gerne
Witze erzählt. Vor Pihrt ist er aber auf der Hut. Der Mut, etwas zu
erzählen, kommt erst, wenn Pihrt verschwindet. Gegenüber dem anwesenden
Kneipenstammgast Formánek sagt er:
„So eine antihabsburgische Anekdote, Herr Formánek, die ist von großer Bedeutung. Im Gebäude der Monarchie wirkt sie wie ein Holzwurm. Niemand ahnt was und eines Tages ist das Gebäude zerfressen. Dann genügt es, wenn ein richtiger Regenguss kommt, in den Fundamenten knackt es und das ganze Haus stürzt ein.“
Kaum jemand von den Schauspielern ahnte damals, dass im Publikum ein StB-Agent saß, bewaffnet mit einem Notizheft. Erst nach der Wende konnte man dann seine Urteile in den StB-Akten lesen.
5. April 1982:
„Im Stück sind zweideutige Anspielungen an die politische Ordnung in
der CSSR enthalten und aus diesem Grund findet es auch eine stürmische
Resonanz im Publikum. Sehr negativ klingt der Moment aus, denn Vondruska
von der Bühne verschwindet und wieder auf in einer alten Gendarmenuniform
auftaucht mit den Worten, er werde alle Gäste, die negative Meinungen
geäußert haben, verhaften“.
5.Oktober 1982: „Die Szene im Armenhaus parodiert die Arbeit der StB auf eine spitze Art und Weise, die sich entsprechend negativ auf das Publikum auswirkt.“
6. Oktober1982:
„Im Text des gespielten Stücks waren beleidigende Worte gegen die sozialistische Ordnung der CSSR und die Arbeit der Sicherheitsorgane zu hören. Als Beispiel kann ich die Szene anführen, in der sich Cimrman im Armenhaus befindet. Eine der anwesenden Personen präsentiert sich als österreichischer Polizist, der die anderen zu negativen Äußerungen gegen das damalige Regime mit den folgenden Worten aufmuntert: ´Sagt denn etwas gegen die Monarchie!´ Auch wenn die Handlung in der Zeit der Monarchie spielt, wird das Stück tendenziös so präsentiert, dass das Publikum begreift, dass es gegen die heutige Gesellschaftsordnung in der CSSR gerichtet ist.“
6. Dezember1982:
„Jüngst konnten negative Erkenntnisse über die Tätigkeit des
genannten Z. Sverák im Theater Jara Cimrman festgestellt weden. Es geht
vor allem um das Stück „Lijavec“. Hier sind es in den Dialogen
Anspielungen und Schimpfworte gegen die sozialistische Ordnung der CSSR zu
hören. In diesem Sinne am aktivsten sind die Schauspieler Z.Sverák und
Pavel Vondruska. Der Letztere bewegt sich unter Armenhausinsassen und
provoziert sie mit dem Ziel, dass sie ihre wirkliche Meinung zu sagen.
Gleichzeitig notiert er sich die negativen Äußerungen in seinem
Notizblock. Diese Passage ist so geschrieben, dass die Zuschauer keinen
Zweifel daran hegen können, dass es hierbei um den Angriff auf die
Meinungsunfreiheit in der CSSR geht.“
Hier hat der Genosse StB-Agent einen Volltreffer gelandet. Es ist aber nicht auszuschließen, dass er selbst Gefallen an diesem Stück gefunden hat.