Spezial 2009: Tschechien im internationalen Scheinwerferlicht
Dass 2009 ein außerordentlich turbulentes Jahr für Tschechien war, das wissen nicht nur die Tschechen selbst. Vieles von dem, was in Prag passierte oder nicht passierte, hatte erhebliche Auswirkungen auf ganz Europa. Und so stand im abgelaufenen Jahr vor allem die tschechische Politik im Scheinwerferlicht einer internationalen Öffentlichkeit. Gerald Schubert erinnert an die wichtigsten Ereignisse.
Foto:www.eu2009.cz
Pünktlich zu Jahresbeginn 2009 rückt die Tschechische Republik in den
Mittelpunkt des europapolitischen Interesses: Am 1. Januar übernimmt das
Land den Vorsitz im Rat der Europäischen Union. Gleich am Anfang steht
Tschechien vor zwei großen Herausforderungen, die schnell in zwei Worte
gegossen sind: Gas und Gaza. Die Vermittlungsbemühungen Prags im
Zusammenhang mit der israelischen Militäroperation im Gazastreifen finden
international eher wenig Anerkennung, doch bei den winterlichen
Verhandlungen rund um den Stopp der russischen Gaslieferungen in die
Ukraine und nach Mitteleuropa machen die tschechischen Unterhändler keine
schlechte Figur. Zumindest Teilerfolge werden erzielt. Wessen Verdienst es
ist, dass die Gashähne schließlich wieder geöffnet wurden, darüber
scheiden sich freilich die Geister.
David Černý und Entropa (Foto:www.eu2009.cz)
Aufregung gab es auch um das Werk des Prager Bildhauers David Černý, das
anlässlich der tschechischen Präsidentschaft den Eingangsbereich des
EU-Ratsgebäudes in Brüssel zierte. Entropa, so der Name der
Monumentalplastik, zeigt 27 Länder in 27 Stereotypen. Černý hat tief in
die Klischeekiste gegriffen: In Österreich stehen Atommeiler, Deutschland
ist hakenkreuzförmig von Autobahnen durchkreuzt, Bulgarien ist ein
Hockklo, die Slowakei eine ungarische Salami. Gemeinsam mit 26 anderen
Künstlern aus den 26 anderen EU-Staaten habe er Entropa entworfen, sagt
Černý. Besonders hitzig wird die Diskussion, als sich herausstellt, dass
es diese 26 anderen Künstler gar nicht gibt. Tschechien hat eine neue
Debatte um den Stil seiner Ratspräsidentschaft, die Kunst eine neue
Debatte um ihre eigene Freiheit. Eigentlich keine schlechte Bilanz.
Ende März, ziemlich genau zur Halbzeit der tschechischen
EU-Präsidentschaft, gibt es ein europäisches Politbeben mittlerer
Stärke. Sein Epizentrum: das Abgeordnetenhaus in Prag. Die
Sozialdemokraten stellen einen Misstrauensantrag gegen die
Mitte-Rechts-Regierung, der – für alle ein bisschen überraschend –
tatsächlich Erfolg hat. Vier Abgeordnete der Regierungsparteien stimmen
mit der linken Opposition und stürzen das Kabinett. Die Folge ist eine
schwere politische Krise in Prag. Die Schockwellen gehen durch alle
Hauptstädte Europas: Wie wird Tschechien die zweite Hälfte seines
Ratsvorsitzes bewältigen? Doch zumindest auf Beamtenebene ist alles gut
vorbereitet, die Organisation der europäischen Agenda läuft plangemäß
weiter. Auch dank der vielen, vorwiegend jungen tschechischen Spezialisten,
die jahrelang auf diese Aufgabe hingearbeitet haben und sich durch so etwas
wie einen Regierungssturz nicht gleich aus der Fassung bringen lassen.
Anfang April, ein paar Tage nach dem Misstrauensvotum gegen das Kabinett,
steht Tschechien schon wieder im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit –
diesmal sogar weltweit. Grund: Barack Obama ist da. Auf dem zum Bersten
gefüllten Prager Burgplatz hält der neue US-Präsident bei strahlendem
Frühlingssonnenschein eine Rede an die Europäer und entwirft darin seine
Vision von einer atomwaffenfreien Welt. Anschließend fährt Obama ins
Prager Kongresszentrum zum EU-USA-Gipfel. Die Tschechen meistern ihre
Gastgeberrolle und sind spürbar erleichtert über die kurze aber gelungene
Ablenkung vom innenpolitischen Dauergezänk.
Jan Fischer
Superstar Obama reist ab, gleich darauf taucht ein neuer Superstar auf.
Einer, von dem wenige Tage zuvor noch kaum jemand gehört hatte. Name: Jan
Fischer. Bisheriger Beruf: Chef des Tschechischen Statistikamts. Neuer
Beruf: Tschechischer Premierminister. Die zerstrittenen Parteien haben sich
auf den stillen Pragmatiker geeinigt und ihm aufgetragen, als
Regierungschef die tschechische Präsidentschaft zu Ende und das Land zu
Neuwahlen zu führen. Am 9. April wird Fischer vereidigt, knapp einen Monat
später steht das gesamte Kabinett aus parteilosen Experten – die
freilich auf Vorschlag der Parteien nominiert wurden.
Foto: Europäische Kommission
Im Juni gibt es Wahlen zum Europäischen Parlament. Die meisten Stimmen,
nämlich 31,4 Prozent, bekommen in Tschechien die konservativen
Bürgerdemokraten. Die Sozialdemokraten, die erst im Jahr zuvor einen
Erdrutschsieg bei den Regionalwahlen einfahren konnten, erreichen diesmal
nur 22,4 Prozent. Mögliche Ursache: Viele Tschechen haben ihnen den Sturz
der Regierung während des EU-Ratsvorsitzes nicht verziehen. Der Hinweis,
dass dieser Sturz nur mit Hilfe aus dem Regierungslager möglich war, hilft
da nur wenig.
Die für Oktober geplanten Wahlen zum tschechischen Abgeordnetenhaus
finden erst gar nicht statt. Zuerst kommt das Verfassungsgericht zu dem
Schluss, dass die Verkürzung der Legislaturperiode nach dem Sturz der
Regierung nicht verfassungskonform durchgeführt wurde, und setzt den
Wahltermin aus. Das Parlament repariert rasch die Verfassung und plant
einen neuen Termin im November. Doch nun machen die Sozialdemokraten im
letzten Moment einen Rückzieher. Offizieller Grund: Auch die neue Variante
sei verfassungstechnisch vielleicht nicht ganz wasserdicht. Also wird nun
doch erst zum ursprünglichen Termin im Frühjahr 2010 gewählt. Das
Expertenkabinett des besonnenen Statistikers Jan Fischer, der sich von den
Querelen nicht anstecken lässt und in Ruhe seinen Job macht, wird indes
zur beliebtesten Regierung seit der Wende des Jahres 1989.
Noch einmal EU: In der zweiten Jahreshälfte hatte Schweden den
Ratsvorsitz inne, doch das bedeutet nicht, dass Europa das Interesse verlor
an dem, was in Prag so gesagt und getan wird. Oder besser gesagt an dem,
was in Prag nicht getan wird. Nach jahrelangem Tauziehen nämlich hing die
Ratifizierung des EU-Reformvertrags von Lissabon nur noch an einer Person:
dem tschechischen Präsidenten Václav Klaus. Und der ist bekannt für
seine Abneigung gegenüber dem europäischen Integrationsprozess im
Allgemeinen und gegenüber dem Lissabonner Vertrag im Besonderen. Am 3.
November schließlich entscheidet das Verfassungsgericht zum wiederholten
Male, dass der Vertrag nicht im Widerspruch zur tschechischen Verfassung
steht. Noch am selben Tag setzt Klaus mit seiner Unterschrift den
Schlusspunkt unter den Ratifizierungsprozess in Tschechien – und damit in
der gesamten EU. Ein Hingucker für internationale Medien ist von da an nur
noch der 20. Jahrestag der Samtenen Revolution. Damals, im Herbst 1989,
hatten die Tschechen das kommunistische Regime über Bord geworfen.
Genauso, wie die Bürgerinnen und Bürger der anderen „Ostblockstaaten“
auch. Willkommen in der Normalität. Und im Wahljahr 2010.